Das 6. Jahrhundert ist für die Ernährungsgeschichte die schwierigste Epoche des gesamten Mittelalters. Es gibt kaum Schriftquellen, keine Rechnungen, keine Kochbücher, und die politischen Verhältnisse wechselten so rasch, dass sich wenig Kontinuität abzeichnet. Was wir wissen, stammt fast vollständig aus dem Boden.
Die folgende Zusammenstellung trägt zusammen, was archäobotanische und klimageschichtliche Forschung für diesen Zeitraum belegen.
Das Ende der römischen Versorgungsstruktur
Mit dem Rückzug der römischen Verwaltung verschwand nicht nur ein politisches System, sondern eine Infrastruktur: Straßen wurden nicht mehr unterhalten, Fernhandel brach ein, Villenwirtschaften lösten sich auf.
Für die Ernährung hatte das eine direkte Folge. Die Archäobotanik an der Universität zu Köln weist darauf hin, dass die volle Breite an Kulturpflanzen in Mitteleuropa erst im 10. Jahrhundert wieder verfügbar war, nachdem viele der von den Römern eingeführten Arten nach deren Rückzug zunächst verschwunden waren.
Das 6. Jahrhundert liegt damit am tiefsten Punkt dieser Entwicklung. Was an Obst- und Gemüsearten in römischer Zeit bekannt war, stand vielerorts nicht mehr zur Verfügung.
Ein Klimaeinbruch zu Beginn
Hinzu kam eine ungünstige Klimaphase. Die Klimaforschung hat für die Zeit nach 536 eine ausgeprägte Kältephase rekonstruiert, die durch eine Serie von Vulkanausbrüchen ausgelöst wurde und mehrere Jahrzehnte anhielt.
Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz berichtete über eine Untersuchung, die anhand von rund 9.000 Hölzern das europäische Sommerklima der letzten 2.500 Jahre rekonstruierte. Demnach folgte ab etwa 250 eine über 300 Jahre andauernde, deutlich kältere und wechselhaftere Phase, die mit dem Zerfall des Weströmischen Reiches und der Völkerwanderung zusammenfällt. Erst ab dem 7. Jahrhundert stiegen Temperaturen und Niederschläge wieder.
Die Forschenden warnen in derselben Mitteilung ausdrücklich vor simplifizierten Ursache-Folge-Verknüpfungen. Klima erklärt nicht alles, aber es setzt Rahmenbedingungen, und die waren im 6. Jahrhundert ungünstig.
Was angebaut wurde
Das Getreidespektrum war robust und anspruchslos. Gerste, Hafer, Roggen, Emmer, Einkorn und Rispenhirse dominierten, also überwiegend Arten, die auch bei schlechtem Wetter und magerem Boden noch etwas liefern.
Roggen gewann in dieser Zeit an Bedeutung. Er ist winterhart, kommt mit sandigen Böden zurecht und wurde damit zum wichtigsten Brotgetreide nördlich der Alpen. Hirse blieb wichtig, weil sie schnell reift und sich gut lagern lässt.
Gekocht wurde, nicht gebacken
Brotbacken setzt einen Ofen voraus, und Öfen waren aufwendig, holzintensiv und selten. Die verbreitete Form, Getreide zu essen, war deshalb der gekochte Brei: Er braucht nur einen Topf über dem Feuer und funktioniert mit jeder Getreideart.
Gemahlen wurde überwiegend zu Hause auf Drehmühlen aus Stein. Wassermühlen existierten, waren aber noch keine Regel. Das begrenzte auch die Mehlfeinheit und damit die Backfähigkeit.
Fleisch, Milch und Wald
Die Tierhaltung war eng mit dem Wald verbunden. Schweine wurden zur Mast in Eichen- und Buchenwälder getrieben und dominieren entsprechend die Knochenfunde. Rinder dienten vor allem als Arbeitstiere und Milchlieferanten, Schafe und Ziegen lieferten Wolle und Milch.
Milch wurde nicht getrunken, sondern verarbeitet: zu Käse, Butter und Sauermilchprodukten, weil sie sich anders nicht hielt.
Die Benediktsregel entsteht
Ein Text dieses Jahrhunderts sollte die Ernährung Europas über Jahrhunderte prägen. Die Regel Benedikts von Nursia entstand im 6. Jahrhundert und regelte für Klostergemeinschaften Mahlzeiten, Brotration, Weinmaß und Fleischverzicht.
Sie untersagt grundsätzlich das Fleisch vierfüßiger Tiere, sieht je nach Jahreszeit ein oder zwei Mahlzeiten am Tag vor und überlässt Anpassungen dem Abt. Ihre Wirkung reichte weit über die Klostermauern hinaus, weil Klöster zu wirtschaftlichen und agrarischen Vorbildern wurden.
Was das Jahrhundert kennzeichnet
Zusammengefasst war das 6. Jahrhundert eine Phase der Vereinfachung und Regionalisierung. Weniger Arten, weniger Handel, weniger Verarbeitungstiefe, dafür mehr Abhängigkeit von dem, was in unmittelbarer Umgebung wuchs.
Das ist kein Werturteil, sondern eine Beschreibung von Rahmenbedingungen. Die Menschen aßen nicht schlechter, weil sie weniger konnten, sondern weil die Strukturen fehlten, die Vielfalt überhaupt erst ermöglichen: Handel, Verwaltung, Spezialisierung und Vorratssicherheit.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe über das Essen im Mittelalter, in der alle Epochen, Lebensmittelgruppen und Stände einzeln behandelt werden.
