StartEsskultur & GeschichteEssen im 11. Jahrhundert

Essen im 11. Jahrhundert

Im 11. Jahrhundert beginnt die größte Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzfläche, die Mitteleuropa je erlebt hat. Wald wurde zu Acker, Sumpf zu Wiese, Grenzertragsland zu Getreidefeld. Ohne diese Entwicklung wäre das Bevölkerungswachstum der folgenden zwei Jahrhunderte nicht möglich gewesen.

Die folgende Zusammenstellung stützt sich auf agrarhistorische und klimageschichtliche Forschung.

Das Klima spielt mit

Die günstige Ausgangslage war klimatisch. Der Artikel „Landwirtschaft und Klimawandel in historischer Perspektive“ von Werner Rösener bei der Bundeszentrale für politische Bildung datiert das mittelalterliche Wärmeoptimum auf die Zeit zwischen 1000 und 1300, mit einer Temperaturerhöhung von etwa ein bis zwei Grad über dem Vergleichswert der Periode 1931 bis 1960.

Die Folgen beschreibt dieselbe Quelle konkret: Der Getreideanbau dehnte sich in höhere Lagen aus, die Wachstumsperiode verlängerte sich um bis zu vier Wochen, und der Weinbau reichte bis Schleswig-Holstein und Ostpreußen.

Vier zusätzliche Wochen Vegetationszeit klingen unspektakulär, entscheiden aber in Grenzlagen darüber, ob Getreide überhaupt ausreift. Genau dort setzte der Landesausbau an.

Rodung als Großprojekt

Der Ausbau war organisiert und nicht spontan. Grundherren, Klöster und später auch Städte betrieben ihn gezielt, weil neue Siedler neue Abgaben bedeuteten.

Die Arbeit selbst war enorm: Bäume fällen, Wurzelstöcke roden, Steine räumen, entwässern, den Boden erstmals pflügen. Für die Siedler bestand der Anreiz in günstigeren Rechtsbedingungen, denn wer sich auf Neuland ansiedelte, erhielt in der Regel bessere Konditionen als auf Altland.

Die Technik verbessert sich

Parallel dazu setzten sich technische Neuerungen durch, die einzeln unscheinbar wirken und zusammen die Produktivität erheblich steigerten.

  • Der schwere Räderpflug mit Streichbrett wendet den Boden, statt ihn nur aufzuritzen, und erschließt damit schwere, feuchte Böden, die zuvor nicht bearbeitbar waren.
  • Das Kummet verlagert die Zuglast beim Pferd vom Hals auf die Schultern und macht das Pferd als Zugtier überhaupt erst effizient nutzbar.
  • Das Hufeisen schützt die Hufe auf steinigem Boden.
  • Die Wassermühle ersetzt stundenlange Handarbeit am Mahlstein und liefert feineres Mehl.

Gerade die Mühle wirkte unmittelbar auf die Ernährung: Feineres Mehl bedeutet backfähigeres Mehl, und damit verschob sich das Verhältnis von Brei zu Brot.

Die Dreifelderwirtschaft breitet sich aus

Das System, für das das Historische Lexikon Bayerns eindeutige Belege ab dem frühen 10. Jahrhundert nennt, setzte sich in dieser Zeit in der Fläche durch. Wintergetreide, Sommergetreide und Brache wechselten sich ab, wobei die Brache als Viehweide diente und dadurch gedüngt wurde.

Dominant waren dabei nach derselben Quelle Roggen und Hafer, ergänzt durch Dinkel, Emmer, Weizen, Gerste und Hirse.

Mehr Menschen, mehr Nachfrage

Das Ergebnis war ein Bevölkerungswachstum, dessen Ausmaß aus heutiger Sicht überrascht. Nach Rösener vergrößerte sich die Bevölkerung vom 11. bis zum 13. Jahrhundert in den meisten west- und mitteleuropäischen Ländern um das Zwei- bis Dreifache; für Deutschland nennt er einen Anstieg von etwa vier auf zwölf Millionen Einwohner.

Diese Menschen mussten ernährt werden, und sie erzeugten zugleich die Arbeitskraft, mit der weiter gerodet werden konnte. Der Prozess verstärkte sich selbst, solange Fläche verfügbar war.

Was auf dem Tisch stand

Der Speiseplan blieb im Kern derselbe: Getreide, Hülsenfrüchte, Kohl und Rüben, ergänzt durch Milchprodukte und wenig Fleisch. Was sich änderte, war die Menge und die Verlässlichkeit.

Zugleich entstand mit dem Bevölkerungswachstum ein neues Risiko, das erst später sichtbar wurde. Je mehr Menschen von derselben Fläche lebten, desto geringer war der Spielraum, wenn eine Ernte ausfiel. Das Hochmittelalter baute damit einen Wohlstand auf, dessen Grundlage im 14. Jahrhundert zusammenbrechen sollte.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe über das Essen im Mittelalter, in der alle Epochen, Lebensmittelgruppen und Stände einzeln behandelt werden.

Raphael
Raphael
Seit 2018 beschreibe ich auf wie-schmeckt.de, wie Lebensmittel schmecken, inzwischen über 400 davon. Mich interessiert weniger die Bewertung als die Beschreibung: Wie fasst man Geschmack so in Worte, dass ihn sich jemand vorstellen kann, der es nie probiert hat? Daneben werte ich aus, wonach in Deutschland tatsächlich gesucht wird, zuletzt im Geschmacksreport 2026. Für Rückfragen und Datenanfragen bin ich über das Kontaktformular erreichbar.
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