
Wer beim Essen behauptet, plötzlich nichts mehr zu schmecken, hat in den allermeisten Fällen tatsächlich ein anderes Problem: Nicht die Zunge, sondern die Nase hat den Dienst quittiert. Diese Verwechslung ist so verbreitet, dass sie fast schon zum Volksglauben gehört, dabei ist der Unterschied entscheidend für die richtige Ursachensuche. Wer verstehen will, was hinter einem echten oder vermeintlichen Geschmacksverlust steckt, kommt an einem Blick auf das Zusammenspiel von Zunge und Nase nicht vorbei, und an einer ganzen Reihe möglicher Auslöser, von der simplen Erkältung bis zum Zinkmangel.
Warum „ich schmecke nichts mehr“ meist an der Nase liegt
Die Zunge kann tatsächlich nur eine Handvoll Qualitäten erkennen: süß, sauer, salzig, bitter und umami. Alles, was darüber hinausgeht, der Unterschied zwischen einer Erdbeere und einer Himbeere etwa, entsteht nicht auf der Zunge, sondern in der Nase. Beim Kauen und Schlucken steigen Aromamoleküle über den Rachenraum nach oben zum Riechepithel auf, ein Vorgang, den Fachleute retronasales Riechen nennen. Erst das Gehirn verschmilzt diese Geruchsinformation mit den Grundqualitäten der Zunge zu dem, was wir umgangssprachlich als „Geschmack“ bezeichnen.
Wie groß der Anteil der Nase tatsächlich ist, lässt sich mit einem einfachen Selbstversuch nachvollziehen: Hält man sich beim Kauen eines Fruchtgummis die Nase zu, bleibt oft nur noch eine vage süße oder saure Ahnung übrig, das eigentliche Aroma verschwindet fast vollständig. Im Artikel zum Geschmackssinn ist bereits nachzulesen, dass bis zu 80 Prozent dessen, was wir als Geschmack wahrnehmen, eigentlich Geruch ist. Genau deshalb klagen Menschen mit verstopfter Nase so häufig darüber, dass ihnen das Essen „nach nichts“ schmeckt, obwohl ihre Geschmacksknospen für süß, sauer, salzig, bitter und umami eigentlich einwandfrei arbeiten.
Ageusie, Hypogeusie und Dysgeusie: drei unterschiedliche Störungen
Medizinisch wird zwischen mehreren Formen unterschieden, die im Alltag gern durcheinandergeworfen werden. Die Ageusie bezeichnet den vollständigen Verlust des Geschmacksempfindens, betroffene schmecken buchstäblich nichts mehr. Deutlich häufiger ist die Hypogeusie, eine spürbare Abschwächung, bei der Geschmacksreize nur noch gedämpft ankommen. Eine dritte Form, die Dysgeusie, ist keine Abschwächung, sondern eine Verzerrung: Betroffene nehmen etwa einen dauerhaften metallischen oder bitteren Geschmack wahr, unabhängig davon, was sie gerade essen. Diese Unterscheidung ist mehr als Wortklauberei, denn sie gibt bereits einen Hinweis darauf, in welche Richtung eine ärztliche Abklärung gehen sollte.
Erkältungen und COVID-19: die häufigsten akuten Auslöser
Der mit Abstand häufigste Grund für einen plötzlichen Geschmacksverlust ist eine simple Erkältung. Schwillt die Nasenschleimhaut an oder staut sich Sekret, kommen Aromamoleküle schlicht nicht mehr bis zum Riechepithel durch, der retronasale Weg ist blockiert. Sobald die Nase wieder frei ist, normalisiert sich das Geschmacksempfinden in der Regel von selbst.
Besondere Aufmerksamkeit hat dieses Thema durch COVID-19 bekommen. Ein plötzlicher Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn zählte zu den charakteristischsten Frühsymptomen der Erkrankung, und zwar unabhängig davon, ob die Nase verstopft war oder nicht, ein Hinweis darauf, dass hier tatsächlich auch die Riechzellen selbst angegriffen wurden. Nach Angaben der Helmholtz-Gemeinschaft zeigten Metaanalysen, dass rund 70 Prozent der COVID-19-Erkrankten zeitweise unter Riech- oder Geschmacksstörungen litten, bei objektiven Tests lag der Anteil sogar noch höher. Bei den meisten bildeten sich die Symptome innerhalb weniger Wochen bis Monate zurück, Frauen sind allerdings überdurchschnittlich häufig von einer langfristigen Störung betroffen.

Medikamente, Rauchen und weitere Ursachen
Neben Infekten gibt es eine ganze Reihe weiterer Auslöser, die im Alltag leicht übersehen werden.
Medikamente stehen dabei ganz vorn. Laut dem Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums gehören Geschmacksveränderungen zu den häufigsten Nebenwirkungen einer Chemotherapie, rund die Hälfte der Behandelten ist betroffen, meist vorübergehend. Aber auch bestimmte Antibiotika und Blutdruckmedikamente können den Geschmackssinn beeinträchtigen.
Rauchen zählt zu den bekanntesten Risikofaktoren, weil Zigarettenrauch die Mundschleimhaut und die Geschmacksknospen direkt reizt und über Jahre hinweg messbar abstumpfen lässt. Auch das Alter spielt eine Rolle, ganz unabhängig von Erkrankungen: Die Zahl der Geschmacksknospen nimmt im Lauf des Lebens natürlicherweise ab, und auch die Regeneration verlangsamt sich.
Weniger bekannt, aber durchaus relevant, ist Zinkmangel. Zink ist an der Erneuerung der Geschmackszellen beteiligt, weshalb ein Mangel die Wahrnehmung spürbar dämpfen kann. Hinzu kommen Nervenschäden etwa nach Operationen oder Verletzungen im Kopfbereich, unbehandelte Zahn- und Zahnfleischprobleme sowie eine Strahlentherapie im Kopf-Hals-Bereich, die die Speicheldrüsen und die Mundschleimhaut in Mitleidenschaft ziehen kann.
Wann ein Arztbesuch sinnvoll ist
Ein Geschmacksverlust im Rahmen einer gewöhnlichen Erkältung ist normalerweise kein Grund zur Sorge und verschwindet mit der Nase von selbst wieder. Anders sieht es aus, wenn die Störung plötzlich und ohne erkennbaren Auslöser auftritt, wenn sie länger als ein bis zwei Wochen anhält oder wenn sich statt eines Verlusts ein dauerhaft veränderter, etwa metallischer Geschmack einstellt. In diesen Fällen lohnt sich ein Termin bei einer Hals-Nasen-Ohren-Praxis oder der Hausärztin, denn nur eine körperliche Untersuchung kann klären, ob eine Infektion, ein Nervenproblem, eine Medikamentennebenwirkung oder etwas anderes dahintersteckt. Dieser Artikel kann die Ursachen einordnen, eine Diagnose ersetzt er nicht, das gilt besonders für Geschmacksstörungen, die aus dem Nichts auftreten oder nicht von selbst besser werden.
So unscheinbar der Geschmackssinn im Alltag oft wirkt, so komplex ist das System, das dahintersteckt. Zunge, Nase und Gehirn arbeiten dabei so eng zusammen, dass schon eine banale Erkältung ausreicht, um das ganze Geschmackserlebnis für ein paar Tage auf den Kopf zu stellen. Wer das einmal verstanden hat, wundert sich auch nicht mehr, warum das Lieblingsessen mit zugehaltener Nase plötzlich fad schmeckt.



