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Hildegard von Bingen und ihre Ernährungslehre

Kaum eine historische Person wird im Zusammenhang mit Ernährung so oft genannt wie Hildegard von Bingen. Gleichzeitig kaum eine, bei der historische Person und heutige Vermarktung so weit auseinanderliegen. Dieser Artikel trennt beides: was in ihren Schriften tatsächlich steht, und was die moderne „Hildegard-Medizin“ daraus gemacht hat.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung.

Wer Hildegard von Bingen war

Hildegard von Bingen lebte von 1098 bis 1179, war Benediktinerin und Leiterin der von ihr gegründeten Klöster auf dem Rupertsberg und in Eibingen. Sie verfasste theologische Visionsschriften, komponierte Musik und schrieb zwei Werke, die für die Ernährungsgeschichte interessant sind: die „Physica“ über Eigenschaften von Pflanzen, Tieren und Steinen und die „Causae et curae“ über Ursachen und Behandlung von Krankheiten.

Ihre Bedeutung für dieses Thema ist real: Sie hat als eine der ersten im deutschsprachigen Raum systematisch aufgeschrieben, welche Wirkung sie einzelnen Nahrungs- und Heilpflanzen zuschrieb. Als historische Quelle ist das wertvoll, unabhängig davon, ob die Zuschreibungen zutreffen.

Ihr Denken folgte der Vier-Säfte-Lehre

Hildegard stand nicht außerhalb der Medizin ihrer Zeit, sondern mittendrin. Ihre Aussagen über Nahrungsmittel folgen der damals allgemein gültigen Humoralpathologie: Jede Speise wurde nach den Qualitäten warm oder kalt, feucht oder trocken eingeordnet, und Gesundheit galt als Gleichgewicht dieser Qualitäten.

Wenn sie also eine Pflanze als „warm“ bezeichnet, ist das keine geheimnisvolle Eingebung, sondern die Fachsprache ihrer Epoche. Ihre Schriften sind damit vor allem ein besonders gut erhaltenes Beispiel für mittelalterliches Ernährungsdenken.

Was sie über Dinkel schrieb

Der bekannteste Punkt ist ihre Wertschätzung für Dinkel, den sie ausgesprochen positiv beurteilte und als besonders bekömmlich beschrieb. Diese Passage ist die Grundlage für den heutigen Ruf des Getreides als „Hildegard-Korn“.

Zur Einordnung gehört: Dinkel war im Hochmittelalter ein verbreitetes Getreide, kein exotisches Besonderes. Dass eine Benediktinerin des 12. Jahrhunderts positiv über ein regional übliches Grundnahrungsmittel schreibt, ist wenig überraschend. Ernährungsphysiologisch unterscheidet sich Dinkel nicht grundlegend von Weizen; er enthält ebenfalls Gluten und ist für Menschen mit Zöliakie nicht geeignet.

Schale mit Dinkelkörnern in den Spelzen und Schale mit entspelzten Körnern vor einem reifen Dinkelfeld
Dinkel war im Hochmittelalter weit verbreitet; seine besondere Rolle in Hildegards Schriften wird heute stark überinterpretiert (Bild KI-generiert)

Was die Forschung zu ihren Pflanzenangaben sagt

Es gibt eine sachliche Untersuchung dazu, wie gut Hildegards Zuordnungen mit heutigem Wissen zusammenpassen. Eine am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg entstandene Dissertation von Christine Mayer-Nicolai verglich die von Hildegard von Bingen und Leonhart Fuchs pflanzlichen Arzneimitteln zugeschriebenen Indikationen mit den heute anerkannten Anwendungsgebieten.

Das Ergebnis ist differenziert und verdient, korrekt wiedergegeben zu werden: Die Übereinstimmung liegt statistisch signifikant über dem Zufallsniveau. Das ist plausibel, denn Erfahrungswissen über Pflanzen sammelt sich über Generationen an und trifft manchmal zu.

Was daraus nicht folgt: dass Hildegards Angaben als Wirksamkeitsnachweis taugen. Eine Übereinstimmung über Zufallsniveau ist etwas anderes als ein klinischer Beleg, und für die meisten konkreten Anwendungen fehlen aussagekräftige Studien.

Die moderne „Hildegard-Medizin“

Hier ist die klarste Trennung nötig. Was heute unter ihrem Namen als Kurkonzept, Nahrungsergänzung oder Behandlungsmethode verkauft wird, ist überwiegend eine Konstruktion des 20. Jahrhunderts.

Der Faktencheck von Medizin transparent, einem Angebot von Cochrane Österreich, formuliert das deutlich: Vieles, was unter Hildegards Namen laufe, habe mit der historischen Figur nichts zu tun und sei eine Marketingerfindung aus dem 20. Jahrhundert.

Zum dort geprüften Aderlass nach Hildegard lautet das Urteil „wissenschaftliche Belege fehlen“. Der traditionelle Aderlass beruhe auf längst widerlegten Vorstellungen und sei nicht Gegenstand von Studien. Als Grundlagen nennt der Faktencheck ein mangelndes Verständnis des Blutkreislaufs und die antike Vier-Säfte-Lehre; die Vorstellung, den Körper von schlechtem Blut zu befreien, wird dort in eine Reihe mit „Entgiften“ und „Entschlacken“ gestellt.

Ausnahmen betreffen sehr spezielle Blutkrankheiten wie Hämochromatose und Polycythaemia vera, bei denen die moderne Medizin Aderlässe einsetzt; auch dort bleibt die Studienlage nach derselben Quelle eher dünn.

Wie man Hildegard sinnvoll liest

Der ertragreiche Zugang ist der historische. Ihre Schriften zeigen, wie im 12. Jahrhundert über Nahrung nachgedacht wurde: welche Pflanzen bekannt waren, welche Systematik man anlegte, welche Rolle das Kloster als Ort medizinischen Wissens spielte.

Der unergiebige Zugang ist der medizinische Direktzugriff. Eine Schrift aus dem 12. Jahrhundert ist keine Therapieanleitung für das 21., und sie wird auch nicht dadurch zu einer, dass ihre Autorin bedeutend war.

Beides lässt sich ohne Widerspruch festhalten: Hildegard von Bingen war eine außergewöhnliche Gelehrte ihrer Zeit, und die nach ihr benannte Gesundheitsbranche stützt sich auf Zuschreibungen, für die wissenschaftliche Belege fehlen.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe über das Essen im Mittelalter, in der alle Epochen, Lebensmittelgruppen und Stände einzeln behandelt werden.

Raphael
Raphael
Seit 2018 beschreibe ich auf wie-schmeckt.de, wie Lebensmittel schmecken, inzwischen über 400 davon. Mich interessiert weniger die Bewertung als die Beschreibung: Wie fasst man Geschmack so in Worte, dass ihn sich jemand vorstellen kann, der es nie probiert hat? Daneben werte ich aus, wonach in Deutschland tatsächlich gesucht wird, zuletzt im Geschmacksreport 2026. Für Rückfragen und Datenanfragen bin ich über das Kontaktformular erreichbar.
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