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Sannakji: Wie schmeckt lebender Oktopus?

Es gibt Gerichte, bei denen die Videos im Netz kein Zerrbild sind. Sannakji gehört dazu: Auf dem Teller liegen Tentakelstücke, die sich noch bewegen, sich winden und mit ihren Saugnäpfen an Stäbchen, Schale und Zunge festsaugen. Das ist kein Trick und kein Zufall, sondern der Punkt der Sache.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Was Sannakji genau ist

Sannakji (산낙지) ist ein koreanisches Gericht aus dem kleinen Langarm-Kraken (Octopus minor), auf Koreanisch nakji. Die Vorsilbe san bedeutet „lebend“. Der Tintenfisch wird unmittelbar vor dem Servieren getötet und in kleine Stücke geschnitten, mit Sesamöl beträufelt und mit Sesamsamen bestreut.

Wichtig für das Verständnis: Das Tier ist beim Servieren tot. Was sich bewegt, sind die Nervenzellen im Tentakel, die noch für einige Minuten weiterarbeiten. Kraken haben einen großen Teil ihrer Neuronen in den Armen, weshalb diese auch ohne Verbindung zum Gehirn auf Reize reagieren. Das Sesamöl und das Salz verstärken die Zuckungen zusätzlich, weil sie die Nerven reizen.

Seltener wird der ganze, noch lebende Krake serviert. Diese Variante ist auch in Korea eine Ausnahme und wird zunehmend kritisch gesehen.

Wie schmeckt Sannakji?

Geschmacklich ist es überraschend zurückhaltend. Sannakji schmeckt mild, leicht salzig und dezent süßlich nach Meer, dominiert vom nussigen Sesamöl. Wer einen intensiven Fischgeschmack erwartet, wird enttäuscht: Roher Krake hat wenig Eigenaroma.

Das eigentliche Erlebnis ist haptisch. Die Textur ist fest, elastisch und zäh, ähnlich sehr al dente gekochtem Tintenfisch. Dazu kommt das Ansaugen der Saugnäpfe an Zunge, Gaumen und Rachen, was sich anfühlt, als würde das Essen zurückhalten. Genau dieses Gefühl ist der Grund, warum das Gericht existiert, und der Grund, warum viele es kein zweites Mal bestellen.

Flache weiße Schale mit klein geschnittenen Tintenfischtentakeln, Sesam und Metallstäbchen
Serviert wird klein geschnitten, mit Sesamöl und Sesam. Das Öl reizt die noch aktiven Nervenzellen zusätzlich, wodurch die Bewegung stärker wird.

Das Risiko, das man kennen muss

Hier hört der Spaß auf, und zwar wörtlich. Die Saugnäpfe funktionieren im Rachen genauso wie auf dem Teller. Wer ein Stück unzerkaut hinunterschluckt, riskiert, dass es sich in Rachen oder Kehlkopf festsaugt und die Atemwege blockiert. In Südkorea sind Todesfälle durch Ersticken an Sannakji dokumentiert, mit Berichten über mehrere Fälle pro Jahr.

Die Regeln, die in koreanischen Restaurants entsprechend gelten:

  • Gründlich und lange kauen, bis das Stück wirklich zerkleinert ist. Nicht schlucken, solange noch Bewegung spürbar ist.
  • Kleine Stücke nehmen und nicht mehrere auf einmal.
  • Kein Alkohol vorher, weil er Schluckreflex und Koordination beeinträchtigt. Genau diese Kombination steckt hinter den meisten Unglücksfällen.
  • Nicht für Kinder und ältere Menschen mit Schluckbeschwerden.

Warum das Gericht überhaupt existiert

Die koreanische Küche schätzt Frische und Textur in einem Maß, das in Europa ungewohnt ist. Bei Meeresfrüchten gilt: je frischer, desto besser, und die maximale Frische ist eben das gerade erst getötete Tier. Sannakji ist damit weniger eine Mutprobe als ein Frischebeweis, ähnlich wie es in Japan bei bestimmten Sashimi-Zubereitungen der Fall ist.

Dazu kommt der Ruf als Kraftnahrung. Nakji gilt in Korea traditionell als stärkend, es gibt sogar eine populäre Anekdote über erschöpfte Ochsen, die nach einer Portion wieder auf die Beine kommen. Belegt ist das nicht, aber es erklärt, warum das Gericht kulturell positiv besetzt ist.

Marktstand in Korea mit Wasserbecken voller lebender Tintenfische und Muscheln
Auf koreanischen Märkten werden Meeresfrüchte lebend in Becken gehalten. Der Frischeanspruch ist der eigentliche kulturelle Hintergrund des Gerichts.

Die Tierschutzfrage

Sie lässt sich nicht wegdiskutieren. Kraken gelten als außergewöhnlich intelligente Tiere mit komplexem Verhalten, ausgeprägtem Lernvermögen und guter Problemlösungsfähigkeit. Die Frage, ob sie Schmerz empfinden, wird in der Forschung überwiegend bejaht.

In der EU wurde daraus rechtlich bereits eine Konsequenz gezogen: Kopffüßer sind in der Richtlinie 2010/63/EU zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere ausdrücklich als geschützte Tiere aufgeführt, als einzige wirbellose Gruppe. Für die Lebensmittelzubereitung greift diese Richtlinie zwar nicht, aber sie zeigt, wie die Empfindungsfähigkeit inzwischen eingeschätzt wird.

Wer das Gericht ablehnt, hat also mehr als nur ein Ekelargument. Und wer es probieren will, sollte wissen, worauf er sich einlässt.

Wo es sich einordnet

Sannakji gehört zu den Gerichten, deren Bekanntheit fast vollständig aus dem Video-Zeitalter stammt. Ähnlich funktionieren der schwedische Surströmming und der sardische Casu Marzu: In der Herkunftsregion ganz normale Traditionen, im Internet Mutproben.

Wer den Geschmack von Krake ohne den Nervenkitzel erleben will, findet ihn in gegarter Form deutlich zugänglicher. Der Unterschied ist erheblich: Gegarter Oktopus entwickelt eine buttrige Zartheit und ein deutlich volleres Aroma, während roher Krake vor allem Textur liefert. Ähnliche Textur-Erlebnisse ohne Risiko bieten auch Jakobsmuscheln oder Seeigel.

Susanne
Susanne
Ich schreibe seit 2018 für wie-schmeckt.de und lande dabei fast immer bei den Themen, um die andere einen Bogen machen: Surströmming, Balut, frittierte Skorpione, dazu die ganze Bandbreite an Körpersekreten, über die niemand gern spricht. Zwei eigene Kinder haben mir nebenbei einen sehr direkten Zugang zu Muttermilch, Kolostrum und Plazenta verschafft. Zwischendurch schreibe ich über Kardamom, Kefir oder Burrata, damit der Kopf wieder frei wird.
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