Das 10. Jahrhundert hat einen schlechten Ruf, den es für die Ernährungsgeschichte nicht verdient. Nach außen ist es eine Zeit der Bedrohung, nach innen eine Zeit der Erholung. Zwei Entwicklungen dieses Jahrhunderts prägen die europäische Landwirtschaft bis in die Neuzeit.
Die folgende Zusammenstellung stützt sich auf archäobotanische Forschung und landesgeschichtliche Nachschlagewerke.
Die Dreifelderwirtschaft wird fassbar
Die wichtigste Nachricht dieses Jahrhunderts ist agrartechnisch. Das Historische Lexikon Bayerns datiert erste bayerische Hinweise auf die Dreifelderwirtschaft ins 10. Jahrhundert und nennt für das frühe 10. Jahrhundert eindeutige Belege für die Verzelgung.
Das System teilt die Feldflur in drei große Einheiten, die Zelgen. Auf einer steht Wintergetreide, auf der zweiten Sommergetreide, die dritte liegt brach und erholt sich, während sie zugleich als Viehweide dient und dadurch gedüngt wird. Danach rotiert die Nutzung.
Der Effekt ist erheblich: Statt der Hälfte wird nun zwei Drittel der Fläche jährlich bestellt, und die Ernte verteilt sich auf zwei Termine im Jahr, was das Risiko eines Totalausfalls senkt.
Was das für die Bauern bedeutete
Die Kehrseite war der Flurzwang. Weil jeder Bauer idealerweise in jeder Zelge mindestens einen Acker besaß, mussten nach derselben Quelle die Feldarbeiten jeweils gleichzeitig erfolgen. Wann gesät, geerntet und beweidet wurde, entschied nicht der Einzelne, sondern die Dorfgemeinschaft.
Damit hatte die Ertragssteigerung einen Preis: weniger individuelle Entscheidungsfreiheit, mehr kollektive Bindung. Diese Struktur überdauerte teilweise bis ins 19. Jahrhundert.
Welches Getreide dominierte
Das Historische Lexikon Bayerns hält fest, dass Roggen und Hafer so dominant waren, dass die Quellen zuweilen von „Rocken-“ und „Haberfeld“ sprechen. Daneben standen Dinkel, Emmer, Weizen, Gerste und Hirse.
Diese Verteilung war kein Zufall. Roggen als Winterung und Hafer als Sommerung passen genau in das dreiteilige System und ergänzen sich in ihren Ansprüchen an Boden und Witterung.
Die Artenvielfalt kehrt zurück
Die zweite bedeutende Entwicklung betrifft das Sortiment. Die Archäobotanik an der Universität zu Köln weist darauf hin, dass die volle Breite an Kulturpflanzen in Mitteleuropa erst im 10. Jahrhundert wieder verfügbar war, nachdem viele der von den Römern eingeführten Arten nach deren Rückzug zunächst verschwunden waren.
Damit schließt sich ein Kreis, der rund ein halbes Jahrtausend offen stand. Erst jetzt stand wieder zur Verfügung, was in römischer Zeit bekannt gewesen war, und erst auf dieser Grundlage konnte die Erweiterung des Hochmittelalters ansetzen.
Unsicherheit als Rahmenbedingung
Gleichzeitig war das 10. Jahrhundert von äußerer Bedrohung geprägt. Einfälle aus dem Osten und Norden trafen wiederholt Regionen Mitteleuropas, und für die Landwirtschaft bedeutete jeder Überfall dasselbe: zerstörte Ernten, geraubtes Vieh, verbrannte Vorräte.
Die Reaktion darauf war baulich. Befestigte Plätze entstanden oder wurden ausgebaut, und diese Anlagen dienten nicht nur der Verteidigung von Menschen, sondern auch von Vorräten. Wer sein Getreide hinter eine Palisade bringen konnte, hatte im Fall eines Angriffs überhaupt eine Chance.
Aus Burgen werden Märkte
Aus diesen befestigten Plätzen entwickelten sich vielerorts die Keimzellen späterer Städte. Wo Menschen zusammenkamen und Schutz fanden, entstand Handel, und wo Handel entstand, wurden Marktrechte verliehen.
Für die Ernährung ist das der entscheidende Schritt: Ein Markt erlaubt Spezialisierung. Wer nicht mehr alles selbst erzeugen muss, kann Überschüsse produzieren und tauschen, und genau das ist die Voraussetzung für die Bevölkerungsentwicklung der folgenden Jahrhunderte.
Was auf dem Tisch stand
Für den Alltag änderte sich zunächst wenig. Getreidebrei und zunehmend Brot, Hülsenfrüchte, Kohl und Rüben bildeten die Grundlage, ergänzt durch Milchprodukte und gelegentlich Fleisch.
Die Verbesserungen des 10. Jahrhunderts wirkten nicht sofort auf den Teller, sondern auf die Sicherheit der Versorgung. Mehr bestellte Fläche und zwei Erntetermine bedeuten weniger Wahrscheinlichkeit, dass ein Jahr komplett ausfällt, und das ist in einer Gesellschaft ohne Reserven mehr wert als jede Erweiterung des Speiseplans.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe über das Essen im Mittelalter, in der alle Epochen, Lebensmittelgruppen und Stände einzeln behandelt werden.
