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Met: Der Honigwein des Mittelalters

Met ist das Getränk, das in der populären Vorstellung am stärksten für das Mittelalter steht, und gleichzeitig dasjenige, dessen tatsächliche Bedeutung am meisten überschätzt wird. Er war real und weit verbreitet, aber seine große Zeit lag im Frühmittelalter, nicht in der Ritterzeit, mit der ihn heutige Mittelaltermärkte verbinden.

Der folgende Überblick fasst zusammen, was sich zu Herstellung, Geschmack, historischer Rolle und rechtlicher Einordnung belegen lässt.

Was Met überhaupt ist

Met, auch Honigwein genannt, entsteht durch die alkoholische Gärung einer Mischung aus Honig und Wasser. Hefen wandeln den im Honig enthaltenen Zucker in Alkohol und Kohlendioxid um. Anders als bei Wein wird also kein Fruchtsaft vergoren, und anders als bei Bier gibt es keinen Mälzungs- und Maischprozess, bei dem Stärke erst in Zucker zerlegt werden müsste.

Genau das macht Met technisch zum einfachsten alkoholischen Getränk überhaupt: Der Zucker ist bereits vorhanden, es braucht nur Wasser, Wärme und Zeit. Für eine Gesellschaft ohne Labortechnik ist das ein erheblicher Vorteil, und es erklärt, warum vergorener Honig praktisch überall dort auftaucht, wo es Bienen gab.

Wie Met schmeckt

Met schmeckt süß bis halbtrocken, deutlich nach Honig, mit einer blumigen bis leicht harzigen Note und einer wärmenden Alkoholpräsenz. Wie stark die Süße ausfällt, hängt davon ab, wie viel Zucker die Hefe umgesetzt hat, bevor die Gärung endet oder abgebrochen wird.

Der Honig prägt den Geschmack unmittelbar, und weil sich Honigsorten stark unterscheiden, unterscheiden sich auch die Ergebnisse: Ein Met aus mildem Akazienhonig schmeckt hell und blumig, einer aus Waldhonig oder Heidehonig deutlich dunkler, malziger und herber. Traditionell wird Met warm getrunken, oft gewürzt, was die Wahrnehmung zusätzlich verschiebt.

Der Alkoholgehalt liegt bei handelsüblichen Produkten meist im Bereich von Wein. Historisch dürfte er je nach Ansatz und Hefetätigkeit stark geschwankt haben.

Warum Honig im Mittelalter so wertvoll war

Die Bedeutung des Mets lässt sich nur verstehen, wenn man die Rolle des Honigs kennt. Honig war im Mittelalter über lange Zeit das einzige nennenswerte Süßungsmittel. Rohrzucker kam erst über den Fernhandel nach Mitteleuropa und wurde zunächst in Apotheken als Arznei gehandelt, nicht als Lebensmittel. Zuckerrüben gab es überhaupt erst ab dem späten 18. Jahrhundert.

Dazu kam ein zweites Produkt, das den wirtschaftlichen Wert der Bienenhaltung noch erhöhte: Bienenwachs. Kirchen und Klöster brauchten es in großen Mengen für Kerzen, weil Wachskerzen im Gegensatz zu Talglichtern rußarm brennen und nicht nach Tierfett riechen. Wer Bienen hielt, produzierte damit zwei begehrte Güter gleichzeitig.

Zeidler: Imkerei im Wald

Die mittelalterliche Bienenhaltung funktionierte anders als heutige Imkerei. Statt in Kästen im Garten wurden Völker in ausgehöhlten Baumstämmen im Wald gehalten, häufig in lebenden Bäumen. Die Fachleute dafür hießen Zeidler, und sie waren keine Nebenerwerbsbauern, sondern eine eigene Berufsgruppe mit besonderen Rechten und Pflichten.

Zeidler hatten Zugang zu Waldgebieten, die sonst der Herrschaft vorbehalten waren, durften Waffen tragen und unterstanden teils einer eigenen Gerichtsbarkeit. Der Beruf war gefährlich: Das Ernten erforderte das Erklettern hoher Stämme mit einfacher Seiltechnik.

Diese Bindung an den Wald ist zugleich die Erklärung für den späteren Niedergang. Mit der Rodung großer Waldflächen im Zuge des Landesausbaus verschwand die Grundlage der Waldbienenzucht.

Mittelalterlicher Zeidler klettert mit Seil an einem alten Kiefernstamm zu einer Beute im lebenden Baum und beruhigt die Bienen mit Rauch
Zeidler ernteten Honig aus Völkern in lebenden Bäumen, eine gefährliche Arbeit mit eigenen Rechten und eigener Gerichtsbarkeit (Bild KI-generiert)

Met, Bier und die Mischformen

In den Quellen taucht Honig nicht nur als eigenständiges Getränk auf, sondern auch als Zutat. Das Historische Lexikon Bayerns hält fest, dass in bienenreichen Waldgegenden wie um Weißenstadt Bier aus Hafermalz und Honig erzeugt wurde und dass bessere Biersorten mit Met gemischt oder mit Honig versetzt waren.

Die scharfe Trennung zwischen Bier, Met und Wein, die heute selbstverständlich wirkt, war also durchlässiger, als man annimmt. Honig diente dort, wo er verfügbar war, als Mittel zur Aufwertung: Er erhöhte den Zuckergehalt, damit den möglichen Alkoholgehalt, und verbesserte den Geschmack.

Warum Met im Spätmittelalter zurückging

Drei Entwicklungen liefen zusammen und drängten den Met an den Rand.

Erstens verschwand mit der Rodung des Waldes die Zeidlerei als flächendeckende Wirtschaftsform. Zweitens nahm der Fernhandel mit Rohrzucker zu, wodurch Honig seine Monopolstellung als Süßungsmittel verlor und für andere Zwecke gebraucht wurde. Drittens setzte sich gehopftes Bier durch, das lagerfähig, transportierbar und in großen Mengen aus billigerem Rohstoff herstellbar war.

Damit wurde Met von einem Alltagsgetränk zu einem regionalen Sonderprodukt. Das Bild vom Met als typischem Getränk der Ritterzeit ist historisch also verschoben: Es passt auf das 8. Jahrhundert deutlich besser als auf das 14.

Der Wikinger-Mythos

Besonders eng ist Met mit dem Bild der Wikinger verbunden, meist mit Trinkhorn und Methalle. Ein Kern davon stimmt: In der altnordischen Dichtung spielt Met eine große Rolle, und das Trinken in der Halle ist ein zentrales soziales Motiv.

Nur ist Dichtung keine Ernährungsstatistik. Met war in Skandinavien ein Getränk für Feste und für die Oberschicht, weil Honig auch dort begrenzt verfügbar war. Das Alltagsgetränk war Bier, und zwar in großen Mengen. Wer die Sagas als Speiseplan liest, macht denselben Fehler wie jemand, der aus höfischer Dichtung auf die Ernährung der Bauern schließt.

Wie Met heute rechtlich eingeordnet ist

Interessant ist, dass die Gärung, aus der Met entsteht, beim Ausgangsprodukt ausdrücklich unerwünscht ist. Die deutsche Honigverordnung schreibt vor, dass Honig „nicht in Gärung übergegangen oder gegoren sein“ darf und dass ihm keine anderen Stoffe als Honig zugefügt werden dürfen. Ausgenommen ist nur Backhonig.

Ein Honig, der zu gären beginnt, ist also nach dieser Verordnung kein verkehrsfähiger Honig mehr. Was dabei entsteht, ist rechtlich ein anderes Erzeugnis: ein alkoholhaltiges Getränk, das aus Honig durch Gärung hergestellt wurde. Der Übergang von Lebensmittel zu Getränk ist damit auch juristisch eine Grenze, und nicht nur eine geschmackliche.

Was sich festhalten lässt

Met ist kein Mythos, aber sein Ruf stammt aus der falschen Epoche. Er war im Frühmittelalter verbreitet, weil Honig das einzige Süßungsmittel und die Waldbienenzucht eine reguläre Wirtschaftsform war. Er verlor an Bedeutung, sobald Zucker verfügbar und Bier lagerfähig wurde.

Wer heute Met probiert, trinkt deshalb kein rekonstruiertes Mittelaltergetränk, sondern ein modernes Produkt nach einem sehr alten Prinzip. Der Geschmack hängt fast vollständig vom verwendeten Honig ab, und genau darin liegt der interessanteste Teil der Sache.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe über das Essen im Mittelalter, in der alle Epochen, Lebensmittelgruppen und Stände einzeln behandelt werden.

Raphael
Raphael
Seit 2018 beschreibe ich auf wie-schmeckt.de, wie Lebensmittel schmecken, inzwischen über 400 davon. Mich interessiert weniger die Bewertung als die Beschreibung: Wie fasst man Geschmack so in Worte, dass ihn sich jemand vorstellen kann, der es nie probiert hat? Daneben werte ich aus, wonach in Deutschland tatsächlich gesucht wird, zuletzt im Geschmacksreport 2026. Für Rückfragen und Datenanfragen bin ich über das Kontaktformular erreichbar.
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