
Frittierte Vogelspinnen als Snack aus der Papiertüte, direkt vom Marktstand: Was in Deutschland höchstens als Mutprobe im Dschungelcamp vorkommt, gehört in Teilen Kambodschas zum ganz normalen Straßenbild. Besonders bekannt dafür ist die Kleinstadt Skuon, etwa 75 Kilometer nördlich von Phnom Penh, die wegen ihrer Spinnenverkäuferinnen auch als „Spiderville“ bekannt geworden ist. Ich habe mir angeschaut, wie die frittierten Achtbeiner tatsächlich schmecken, wie sie zubereitet werden und woher der Brauch stammt.
Wie schmeckt Vogelspinne genau?
Die kurze Antwort: Es kommt darauf an, welchen Teil man isst. Die Beine gelten übereinstimmend als der knusprigste Teil und werden oft mit frittierten Salzstangen oder Kartoffelchips verglichen, dünn, knackig und vor allem ein Träger für die Würzung aus Salz, Zucker und Knoblauch. Das Fleisch im Kopfbereich (Cephalothorax) fällt weicher aus und wird von Kennern geschmacklich zwischen Hühnchen und Kabeljau eingeordnet, also mild und leicht faserig. Der Hinterleib ist der Teil, an dem sich die Geister scheiden: Er enthält eine gallertartige, eher breiige Masse, die deutlich weniger nach etwas Vertrautem schmeckt und selbst unter Einheimischen nicht bei jedem beliebt ist. In der Summe wird der Gesamteindruck häufig als Mischung aus Ölsardinen und Chips beschrieben, mit einer knusprigen Hülle, hinter der sich ein weicheres, leicht erdiges Inneres verbirgt.
Wie werden Vogelspinnen zubereitet?
Verwendet wird meist die Art Haplopelma albostriatum, eine handtellergroße, dunkle Vogelspinne, die in den umliegenden Wäldern und Feldern gefangen wird. Vor der Zubereitung werden den Tieren die Giftklauen (Cheliceren) entfernt, danach werden sie gewaschen und kurz vorgegart. Anschließend liegen sie einige Minuten in einer Mischung aus Zucker, Salz und einer fertigen Gewürzmischung, teils mit einer Prise Glutamat, bevor sie für rund fünfzehn Minuten in heißem Öl frittiert werden. Zum Schluss garnieren die Verkäuferinnen die fertigen Spinnen mit hauchdünnen Knoblauchscheiben, die beim Frittieren mitrösten und zusätzliches Aroma liefern. Durch das Frittieren wird das Gift zuverlässig zerstört, weshalb der Verzehr aus mikrobiologischer Sicht unbedenklich ist, solange die Tiere frisch und durchgegart sind.
Woher kommt der Brauch, Spinnen zu essen?
Der genaue Ursprung liegt im Dunkeln, gilt aber als eng mit einer der dunkelsten Perioden der kambodschanischen Geschichte verknüpft. Während der Herrschaft der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 herrschte im Land eine extreme Hungersnot. Menschen, die vor dem Regime in die Wälder flohen oder in Arbeitslagern kaum genug zu essen bekamen, griffen auf alles zurück, was sich fangen ließ, darunter eben auch die reichlich vorhandenen Vogelspinnen. Aus einer Notlösung wurde über die Jahrzehnte eine regionale Spezialität, die heute vor allem in Skuon touristisch vermarktet wird. Reisende halten hier gezielt an, um das ungewöhnliche Streetfood zu probieren, während der Verkauf für viele Familien in der Region nach wie vor ein wichtiges Zubrot ist. Durch Waldrodung, unter anderem für Cashew-Plantagen, wird der natürliche Lebensraum der Spinnen allerdings kleiner, was das Angebot spürbar verknappt und die Preise steigen lässt.
Einordnung: Spinnen im Vergleich zu anderen essbaren Gliederfüßern
Vogelspinnen sind zoologisch keine Insekten, sondern Spinnentiere, gehören aber wie Mehlwürmer und Grillen zur größeren Gruppe der Gliederfüßer, die weltweit zunehmend als alternative Proteinquelle diskutiert wird. Anders als Mehlwürmer und Grillen, die in der EU inzwischen als zugelassenes Novel Food auch abgepackt im Handel zu finden sind, bleibt die Vogelspinne ein regionales Phänomen ohne relevante Verbreitung außerhalb Südostasiens. Wer auf Reisen durch die Mekong-Region unterwegs ist, der stößt ohnehin regelmäßig auf ungewöhnliche kulinarische Traditionen, ähnlich wie beim Ursprung des Sushi, das seine Wurzeln ebenfalls in Südostasien hat, bevor es über China nach Japan gelangte. Wer sich stattdessen an exotischem Fleisch aus westlicheren Breiten herantasten möchte, findet einen vergleichsweise gemäßigten Einstieg zum Beispiel bei Krokodilfleisch, das inzwischen auch in deutschen Feinkostläden auftaucht.
Unterm Strich bleibt die frittierte Vogelspinne vor allem eines: ein Lehrstück dafür, wie aus einer Notnahrung in wenigen Jahrzehnten eine touristische Attraktion werden kann. Wer den Mut aufbringt, in Skuon zuzubeißen, bekommt keinen reinen Ekel-Snack serviert, sondern ein durchaus stimmiges Wechselspiel aus Knusprigkeit, Würze und einer Konsistenz, die man so schnell nicht wieder vergisst.



