Es gibt eine zuverlässige Methode, Nordeuropäer zum Lachen zu bringen: Man gibt einem Mitteleuropäer ein finnisches Salmiakki und schaut zu. Die Reaktion ist fast immer dieselbe: erst Verwirrung, dann ein zusammengezogenes Gesicht, dann die Frage, ob das ein Scherz sein soll. In Finnland ist genau das eine Süßigkeit, die man Kindern in die Hand drückt.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Wie schmeckt Salmiakki?
Der erste Eindruck ist nicht süß, sondern stechend salzig. Danach kommt eine scharfe, fast metallische Note, die auf der Zunge ein leichtes Taubheitsgefühl hinterlässt und in der Nase kribbelt, ähnlich wie beim Einatmen über einem Ammoniakreiniger. Erst zum Schluss schiebt sich die vertraute dunkle, erdig-süße Lakritznote nach vorn.
Die Reihenfolge ist entscheidend und erklärt das Missverständnis: Wer eine Süßigkeit erwartet, bekommt zuerst zwei Sekunden lang etwas, das nach Chemie schmeckt. Wer weiß, was kommt, und den Bonbon einfach im Mund lässt, erlebt den Übergang und versteht, warum eine ganze Region das mag.
Was drin ist
Salmiakki ist Lakritz mit einem Zusatz: Ammoniumchlorid, chemisch NH₄Cl, im Deutschen Salmiak genannt. Genau dieser Stoff liefert die salzig-stechende Komponente. Er ist als Lebensmittelzutat zugelassen und wird ausschließlich für diesen Zweck eingesetzt.
Die Lakritzbasis selbst besteht aus Süßholzwurzelextrakt, Zucker oder Sirup, Stärke oder Gelatine als Bindemittel und meist etwas Melasse für die Farbe. Der süße Geschmack des Süßholzes stammt von Glycyrrhizin, das rund fünfzigmal süßer ist als Haushaltszucker.

Warum auf manchen Packungen eine Warnung steht
Zwei unterschiedliche Hinweise begegnen einem bei Lakritzprodukten, und sie haben verschiedene Gründe.
Der Süßholz-Hinweis. Nach der Lebensmittelinformationsverordnung (EU) Nr. 1169/2011 müssen Süßwaren mit Süßholz ab einem bestimmten Glycyrrhizin-Gehalt den Zusatz tragen: „Enthält Süßholz – bei Bluthochdruck sollte ein übermäßiger Verzehr vermieden werden.“ Der Grund ist real: Glycyrrhizin kann in größeren Mengen den Blutdruck erhöhen und den Kaliumspiegel senken. Als grober Orientierungswert gilt, dass Erwachsene dauerhaft nicht mehr als etwa 100 Milligramm Glycyrrhizin pro Tag aufnehmen sollten, was je nach Produkt schon bei rund 50 Gramm Lakritz erreicht sein kann.
Der Starklakritz-Hinweis. Nach den deutschen Leitsätzen für Zuckerwaren gilt Lakritz mit mehr als zwei Prozent Salmiak als Starklakritz und muss mit „Erwachsenenlakritz – kein Kinderlakritz“ gekennzeichnet werden. Viele importierte finnische Produkte liegen darüber.
Warum Finnen das mögen und wir nicht
Die Antwort ist unspektakulär: Gewöhnung. Geschmacksvorlieben für stark polarisierende Lebensmittel bilden sich früh, und in Finnland, Schweden, Dänemark, Norwegen und den Niederlanden ist Salzlakritz seit Generationen ein Alltagsprodukt. Kinder wachsen damit auf, und was man aus der Kindheit kennt, empfindet man als normal.
Dazu kommt eine kulturelle Verstärkung. Salmiakki ist in Finnland ein Identitätsmerkmal, es gibt Salmiakki-Eis, Salmiakki-Schokolade, Salmiakki-Wodka und ein eigenes Wort für den Härtegrad. Der bekannteste harte Vertreter heißt Turkinpippuri, in Dänemark als Tyrkisk Peber verkauft, mit einem Kern aus purem Salmiakpulver.

Wie man sich herantastet
Wer es ernsthaft probieren will, sollte nicht mit dem härtesten Produkt anfangen. Eine sinnvolle Reihenfolge sieht so aus:
- Mildes Süßlakritz ohne Salmiak, um die Lakritzbasis kennenzulernen.
- Leichtes Salzlakritz, etwa niederländische zoute drop, wo der Salmiakanteil moderat ist.
- Finnisches Salmiakki in der Standardvariante.
- Turkinpippuri erst, wenn die Stufen davor funktioniert haben.
Und ein praktischer Hinweis: Nicht kauen, sondern lutschen. Beim Kauen wird das Salmiak schlagartig freigesetzt, beim Lutschen verteilt es sich, und der Übergang zur Süße wird spürbar.
Wo es hingehört
Salmiakki ist ein Musterbeispiel dafür, dass Geschmack fast vollständig gelernt ist. Dieselbe Beobachtung gilt für den australischen Vegemite, für japanisches Natto und für koreanisches Kimchi. In allen vier Fällen gilt: In der Herkunftsregion isst man es beiläufig zum Frühstück, außerhalb gilt es als Mutprobe.
Der Unterschied zu echten Extremprodukten wie Surströmming ist allerdings deutlich: Salmiakki riecht nach nichts, es sieht harmlos aus, und es steht in jedem finnischen Supermarkt zwischen Schokoriegeln. Der Schock passiert vollständig auf der Zunge.
