StartKulinarische FeiertageTag des Bieres am 23. April: Was am Reinheitsgebot gefeiert wird

Tag des Bieres am 23. April: Was am Reinheitsgebot gefeiert wird

Der Tag des Deutschen Bieres am 23. April ist der einzige deutsche Lebensmittelgedenktag, der sich auf ein Datum aus dem 16. Jahrhundert berufen kann. Gefeiert wird der Erlass des Reinheitsgebots im Jahr 1516. Interessant ist dabei vor allem, wie wenig der Text von damals mit dem zu tun hat, was heute darauf gedruckt wird.

Woher der Termin kommt

Am 23. April 1516 verkündeten die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. in Ingolstadt eine neue Landesordnung. Darin steckte ein Abschnitt zum Bier, der bis heute als Reinheitsgebot bekannt ist. Der Begriff selbst ist übrigens jung, er wurde erst im 20. Jahrhundert geprägt.

Als Gedenktag wird das Datum seit 1994 begangen. Der Tag des Deutschen Bieres ist damit keine jahrhundertealte Tradition, sondern eine relativ neue Setzung, die sich ein sehr altes Datum ausgesucht hat.

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Was 1516 wirklich beschlossen wurde

Der entscheidende Satz legt fest, dass zum Bier allein Gerste, Hopfen und Wasser genommen und gebraucht werden soll. Drei Zutaten, nicht vier. Hefe fehlt, und zwar nicht aus Nachlässigkeit: Dass Hefe die alkoholische Gärung auslöst, war damals schlicht unbekannt. Man kannte den Effekt, nicht den Verursacher, und arbeitete mit Bodensatz aus dem vorherigen Sud.

Der zweite Punkt wird gern übersehen: Die Verordnung regelte in erster Linie den Bierpreis im gesamten Herzogtum. Es war eine wirtschaftspolitische Maßnahme, kein Verbraucherschutzgesetz im heutigen Sinn.

Und die Beschränkung auf Gerste hatte einen handfesten Grund. Weizen und Roggen waren den Bäckern vorbehalten. Wer daraus Bier braute, nahm Getreide aus der Brotversorgung, und Brot war das wichtigste Grundnahrungsmittel. Wie zentral es war, zeigt der Blick auf Brot und Getreide im Mittelalter. Das Reinheitsgebot war also auch ein Rohstoffgesetz.

Gerstenmalz, frische Hopfendolden, eine Schale Wasser und eine Schaufel Hefe auf einem Holztisch
Gerste, Hopfen und Wasser standen 1516 im Text, die Hefe kam erst dazu, als man sie verstand (Bild KI-generiert)

Warum Bier damals so wichtig war

Bier war im 16. Jahrhundert kein Genussmittel für den Feierabend, sondern Grundnahrungsmittel und Kalorienträger. Es lieferte Energie, war durch das Kochen der Würze hygienisch unbedenklicher als viele Wasserquellen und hielt sich länger. Der Alkoholgehalt der Alltagsbiere lag deutlich niedriger als heute. Wie tief das im Alltag verankert war, zeigt die Geschichte von Bier im Mittelalter.

Vor dem Hopfen wurde mit Grut gewürzt, einer Kräutermischung, die je nach Region völlig unterschiedlich zusammengesetzt war und teilweise berauschende oder giftige Pflanzen enthielt. Der Zwang zum Hopfen war damit auch ein Sicherheitsgewinn, denn Hopfen konserviert zuverlässig und ist gut kalkulierbar.

Was heute gilt

Das Reinheitsgebot von 1516 ist als solches nicht mehr in Kraft. Die heutige Grundlage ist das Vorläufige Biergesetz, und es unterscheidet zwischen zwei Fällen. Für untergäriges Bier gelten Wasser, Gerstenmalz, Hopfen und Hefe. Für obergäriges Bier sind zusätzlich andere Malze und bestimmte Zuckerarten zulässig, weshalb Weizenbier überhaupt möglich ist.

Eine Besonderheit stammt aus dem Jahr 1919: Bayern und Baden-Württemberg bestanden beim Beitritt zur deutschen Biersteuergemeinschaft darauf, dass ihr strengeres Landesrecht erhalten bleibt. Deshalb gelten im Süden bis heute engere Vorgaben als im Rest der Republik.

Zulässig sind außerdem einzelne technische Hilfsstoffe wie Ascorbinsäure oder der Schaumstabilisator Propylenglycolalginat. Wer sie einsetzt, darf allerdings nicht mehr mit dem Reinheitsgebot werben. Der Werbespruch ist damit strenger als das Gesetz.

Bier in Zahlen

Die bayerische Dominanz ist keine Folklore, sondern messbar. 2025 standen 41,6 Prozent aller deutschen Braustätten in Bayern, konkret 588 Brauereien, dreizehn weniger als im Jahr zuvor. Der bayerische Bierabsatz lag bei 22,5 Millionen Hektolitern und damit 5,4 Prozent unter dem Vorjahr. Das entspricht 29 Prozent des bundesweiten Absatzes, Platz eins zum zwölften Mal in Folge.

Der Rückgang ist der eigentlich interessante Teil. Die Zahl der Brauereien bleibt hoch, die verkaufte Menge sinkt seit Jahren. Gebraut wird also vielfältiger, getrunken wird weniger.

Saisonal verteilt sich der Absatz erwartbar: Die stärksten Monate sind Mai, Juni und Juli. Der 23. April liegt knapp davor, gewissermaßen am Vorabend der Saison.

Was am Tag des Bieres passiert

Der Tag wird vor allem von Brauereien und Gaststätten bespielt, mit Tagen der offenen Tür, Sondersuden und Verkostungen. In Bayern fällt er außerdem in ein Umfeld, in dem die Brautradition nach dem Reinheitsgebot als immaterielles Kulturerbe im bayerischen Landesverzeichnis geführt wird.

Für zu Hause ist der Termin ein guter Anlass, einmal nachzusehen, was im Vorrat steht. Die Frage, ob man abgelaufenes Bier noch trinken kann, lässt sich nämlich klarer beantworten, als das Mindesthaltbarkeitsdatum vermuten lässt.

Weitere Termine dieser Art, vom Erntedankfest im Oktober bis zum Martinstag im November, stehen in unserer Übersicht der kulinarischen Feiertage.

Quellen

Raphael
Raphael
Seit 2018 beschreibe ich auf wie-schmeckt.de, wie Lebensmittel schmecken, inzwischen über 400 davon. Mich interessiert weniger die Bewertung als die Beschreibung: Wie fasst man Geschmack so in Worte, dass ihn sich jemand vorstellen kann, der es nie probiert hat? Daneben werte ich aus, wonach in Deutschland tatsächlich gesucht wird, zuletzt im Geschmacksreport 2026. Für Rückfragen und Datenanfragen bin ich über das Kontaktformular erreichbar.
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