Hunger war im Mittelalter keine Ausnahme, sondern eine wiederkehrende Möglichkeit. Zwischen einer normalen Ernte und einer Katastrophe lag oft nur ein verregneter Sommer. Die Gründe dafür liegen weniger in der Rückständigkeit der Landwirtschaft als in einer Struktur, die keinerlei Puffer vorsah.
Die folgende Zusammenstellung stützt sich auf agrarhistorische und klimageschichtliche Forschung sowie auf landesgeschichtliche Nachschlagewerke.
Warum eine Missernte sofort durchschlug
Drei Faktoren wirkten zusammen.
Erstens das Saat-Ertrags-Verhältnis. Von jeder Ernte musste ein erheblicher Teil als Saatgut zurückgelegt werden. Was übrig blieb, war deutlich weniger, als die Bruttoerntemenge vermuten lässt. Wer das Saatgut aufaß, ruinierte das Folgejahr.
Zweitens der Anteil des Getreides am Budget. Nach dem Historischen Lexikon Bayerns wies Ulf Dirlmeier nach, dass ein städtischer Getreidekonsument bis zu drei Viertel des verfügbaren Familieneinkommens für das notwendige Getreide aufwenden musste. Bei dieser Belastung gibt es nichts zu kürzen, wenn der Preis steigt.
Drittens die begrenzte Transportfähigkeit. Getreide über Land zu bewegen war teuer und langsam. Eine Region konnte hungern, während zweihundert Kilometer entfernt Überschüsse lagen.
Das Klima kippte im 14. Jahrhundert
Die günstige Wärmephase des Hochmittelalters endete. Der Artikel „Landwirtschaft und Klimawandel in historischer Perspektive“ von Werner Rösener bei der Bundeszentrale für politische Bildung datiert das Wärmeoptimum auf die Zeit zwischen 1000 und 1300 mit einer Temperaturerhöhung von etwa ein bis zwei Grad über dem Vergleichswert der Periode 1931 bis 1960.
Ab dem 14. Jahrhundert folgte demnach eine Klimaverschlechterung mit Wüstungsbildung und Bevölkerungsrückgang. Das Historische Lexikon Bayerns bezeichnet das 14. Jahrhundert entsprechend als Krisenjahrhundert und verweist auf die „Kleine Eiszeit“, die den Anbau vom 14. bis ins 19. Jahrhundert phasenweise erheblich beeinträchtigte.
Wie eng Klima und Gesellschaft zusammenhängen, hat eine Untersuchung gezeigt, über die die Johannes Gutenberg-Universität Mainz berichtete. Ein Team rekonstruierte anhand von rund 9.000 Hölzern das europäische Sommerklima der letzten 2.500 Jahre und ordnete den Zusammenbruch des Weströmischen Reiches und die Völkerwanderung einer über 300 Jahre andauernden Kältephase ab etwa 250 zu, während ab dem 7. Jahrhundert steigende Temperaturen mit dem kulturellen Aufstieg des Mittelalters einhergingen. Die Forschenden warnen in derselben Mitteilung ausdrücklich vor simplifizierten Ursache-Folge-Verknüpfungen, und diese Warnung gehört zum Befund dazu.

Was in Hungerjahren ins Brot kam
Die konkreteste Beschreibung dessen, was Mangel praktisch bedeutete, liefert wiederum das Historische Lexikon Bayerns. In Hungerkrisen wurde Brot demnach mit gemahlenen Kastanien, Wurzeln, Rüben und gehacktem Stroh gestreckt.
Stroh liefert keinen Nährwert. Es füllt den Magen, reizt den Darm und täuscht Sättigung vor. Dass diese Praxis überhaupt dokumentiert ist, sagt mehr über die Lage aus als jede Ertragsstatistik.
Was die Knochen zeigen
Anders als Chroniken, die zur Übertreibung neigen, liefern menschliche Überreste unbestechliche Hinweise. Das Historische Lexikon Bayerns hält fest, dass mittelalterliche Skelettfunde die Folgen von Mangelernährung dokumentieren.
Solche Spuren entstehen, wenn Wachstum unterbrochen wird oder bestimmte Nährstoffe über längere Zeit fehlen. Sie zeigen damit nicht einzelne Katastrophenjahre, sondern chronische Unterversorgung, und die betraf nicht nur Krisenzeiten.
Hunger und Krankheit verstärken sich
Der gefährlichste Effekt entstand aus der Kombination. Unterernährte Menschen sind anfälliger für Infektionen, und Seuchen treffen geschwächte Bevölkerungen härter. Die große Pestwelle ab 1347 traf auf eine Bevölkerung, die bereits Jahrzehnte klimatischer Krisen hinter sich hatte.
Hinzu kam ein spezifisches Risiko: In Hungerjahren wurde auch Getreide vermahlen, das man sonst aussortiert hätte, darunter mit Mutterkorn befallener Roggen. Die dadurch ausgelösten Vergiftungen häuften sich genau dann, wenn die Menschen ohnehin am schwächsten waren.
Was Städte dagegen taten
Städtische Räte reagierten mit Vorratspolitik. Kornhäuser dienten der Versorgung im Krisenfall und der Preisdämpfung: Wurde städtisches Getreide auf den Markt gegeben, fiel der Preis.
Dazu kamen Ausfuhrverbote, Preisfestsetzungen und der Ausbau von Spitälern und Armenspeisungen. Diese Maßnahmen linderten, lösten aber nichts, weil das Grundproblem in der Produktionsmenge lag und nicht in ihrer Verteilung.
Wie lange das Problem blieb
Hungerkrisen hörten mit dem Mittelalter nicht auf. Das Historische Lexikon Bayerns nennt große Krisen in den 1570er und 1690er Jahren, die nahezu das gesamte Herzogtum Bayern trafen, sowie 1771/72 und die Hungersnot von 1817 nach den napoleonischen Kriegen. Nach der Missernte von 1847 kam es zu Hungerrevolten in fränkischen Städten und in München.
Das ist der eigentliche historische Befund: Nicht das Mittelalter war besonders hungrig, sondern die vorindustrielle Agrargesellschaft insgesamt. Erst Ertragssteigerung, Düngung, neue Feldfrüchte und leistungsfähiger Transport haben diese Bedrohung aus Mitteleuropa verdrängt.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe über das Essen im Mittelalter, in der alle Epochen, Lebensmittelgruppen und Stände einzeln behandelt werden.
