
Für die meisten Menschen ist Fruchtwasser nur ein Wort aus dem Kreißsaal: Gemeint ist der Moment des Blasensprungs, danach denkt kaum jemand weiter darüber nach. Dabei ist die Flüssigkeit, die ein ungeborenes Kind neun Monate lang umgibt, geschmacklich interessanter, als es zunächst scheint. Denn während das Kind selbst noch nicht sprechen kann, verrät die Forschung inzwischen einiges darüber, wie es sein flüssiges Zuhause wahrnimmt.
Woraus besteht Fruchtwasser eigentlich?
Fruchtwasser entsteht nicht auf einmal, sondern verändert seine Zusammensetzung im Verlauf der Schwangerschaft. In den ersten Wochen stammt es vor allem aus mütterlichem Blutplasma, das durch die Fruchtblase gefiltert wird. Ab etwa der zweiten Schwangerschaftshälfte übernimmt der fetale Urin den größten Anteil der Flüssigkeit, wie es unter anderem die deutschsprachige Wikipedia-Übersicht zum Thema beschreibt. Das klingt zunächst unappetitlich, ist aber unproblematisch: Fetaler Urin besteht zu diesem Zeitpunkt praktisch nur aus Wasser und Elektrolyten, da die Plazenta die eigentliche Entgiftungsarbeit übernimmt. Daneben enthält Fruchtwasser Proteine, Fette, Zucker, Hormone und abgeschilferte Hautzellen des Kindes. Die Menge wächst von etwa 30 Millilitern in der 10. Woche auf rund einen Liter um die 30. bis 34. Woche, bevor sie zur Geburt hin wieder leicht sinkt.
Das Kind trinkt diese Flüssigkeit fortlaufend: Es schluckt Fruchtwasser, nimmt darüber Nährstoffe auf und scheidet es später wieder als Urin aus. Dieser Kreislauf trainiert Schluckreflex, Verdauungstrakt und Lunge und ist eine wichtige Übung für das Leben nach der Geburt.
Schmeckt Fruchtwasser überhaupt nach etwas?
Eine kontrollierte Verkostungsstudie mit Fruchtwasser gibt es aus naheliegenden Gründen nicht. Was existiert, sind vereinzelte Berichte aus dem Kreißsaal, etwa wenn beim Blasensprung ein wenig Flüssigkeit in den Mund der Gebärenden gelangt. Übereinstimmend wird der Geschmack dort meist als geschmacklich neutral bis leicht süßlich beschrieben, gelegentlich verglichen mit schwach gesüßtem Wasser, wie es etwa hallo-eltern.de zusammenfasst. Diese Süße lässt sich erklären: Fruchtwasser enthält geringe Mengen Zucker, und Feten reagieren nachweislich darauf. Setzen Forscher dem Fruchtwasser über eine Kanüle eine sterile Zuckerlösung zu, schlucken die Ungeborenen anschließend deutlich häufiger.
Interessanter als die Frage nach dem reinen Geschmackseindruck ist deshalb, was im Fruchtwasser tatsächlich an Aromen steckt und wie das Ungeborene darauf reagiert.
Wie das Essen der Mutter ins Fruchtwasser gelangt
Der Geschmackssinn gehört zu den am frühesten ausgebildeten Sinnen überhaupt: Bereits in der achten Schwangerschaftswoche legt der Fötus erste Geschmacksrezeptoren an, ab etwa der 15. Woche nimmt er Aromen im Fruchtwasser wahr, wie das Wissenschaftsportal scinexx.de beschreibt. Möglich ist das, weil flüchtige Aromastoffe aus der Nahrung der Mutter über den Dünndarm ins Blut übergehen und von dort über die Plazenta ins Fruchtwasser diffundieren, bevor der Fötus sie beim Schlucken registriert.
Wie deutlich das messbar ist, zeigte ein vielzitiertes Experiment der US-Forscherin Julie Mennella vom Monell Chemical Senses Center in Philadelphia: Ein Teil schwangerer Studienteilnehmerinnen nahm Knoblauchkapseln ein, der Rest ein wirkungsloses Placebo. Wurde den Frauen anschließend Fruchtwasser entnommen, konnten geschulte Prüfpersonen den Knoblauchgeruch in den Proben der Knoblauch-Gruppe zuverlässig heraushören. Eine britische Studie der Universität Durham um die Forscherin Beyza Ustun ging noch weiter und beobachtete die Reaktion der Feten selbst per 4D-Ultraschall: Nachdem schwangere Frauen Karottenpulver geschluckt hatten, zeigten die Ungeborenen rund 30 Minuten später häufiger ein Lächeln und streckten die Zunge heraus, während Kohlpulver eher weinerliche, schmollende Gesichtsausdrücke auslöste, wie unter anderem frauenaerzte-im-netz.de berichtet.
Prägt das die späteren Vorlieben mit?
Mennella untersuchte in einer weiteren Studie, was aus dieser frühen Geschmackserfahrung wird. Mütter, die im letzten Schwangerschaftsdrittel regelmäßig Karottensaft tranken, brachten Babys zur Welt, die später Karottengeschmack in Getreidebrei deutlich bereitwilliger akzeptierten als Kinder, deren Mütter darauf verzichtet hatten. Der Effekt ließ sich sogar noch verstärken, wenn die Mütter den Saft anschließend in der Stillzeit weitertranken, denn auch Muttermilch transportiert Aromen aus der mütterlichen Ernährung weiter. Für die Forschung ist das ein Hinweis darauf, dass Geschmacksvorlieben nicht erst am Esstisch entstehen, sondern schon Monate vor der Geburt vorbereitet werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von pränatalem Geschmackslernen.
Das erklärt auch, warum manche Hebammen werdenden Müttern raten, während der Schwangerschaft bewusst vielseitig zu essen, von Gemüse bis zu milden Gewürzen. Nicht weil Fruchtwasser selbst zum Genusserlebnis werden müsste, sondern weil sich die Geschmacksrichtungen, die ein Kind später gern isst, offenbar zu einem gewissen Teil schon im Bauch anlegen. Das Geschmacksempfinden kennt zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur die Grundgeschmacksrichtungen süß, sauer, salzig, bitter und umami. Komplexere Aromen wie Knoblauch oder Karotte werden vermutlich eher über den Geruchssinn im Nasen-Rachen-Raum wahrgenommen als über die Zunge.
Am Ende bleibt Fruchtwasser also genau das, was es für den Fötus die ganze Schwangerschaft über ist: keine Mahlzeit im eigentlichen Sinn, sondern ein flüssiges Trainingsfeld für Sinne, die erst nach der Geburt richtig gebraucht werden. Der Geschmack selbst, leicht süßlich und kaum wahrnehmbar, spielt dabei die kleinere Rolle. Die eigentliche Wirkung entfaltet sich später, am Esstisch, wenn ein Kind bei Karotten plötzlich weniger zögert als erwartet.



