
In den ersten Tagen nach der Geburt bildet die Brust noch keine „richtige“ Muttermilch, sondern Kolostrum, auch Vormilch genannt. Es ist dickflüssig, goldgelb und wird oft mit Honig verglichen. Wer sich fragt, wie dieses ungewöhnliche erste Nahrungsmittel schmeckt: Kolostrum schmeckt salziger und weniger süß als reife Muttermilch, mit einer konzentrierten, fast intensiven Note.
Aussehen und Konsistenz
Kolostrum sieht anders aus als die Milch, die wenige Tage später einschießt. Es ist gelblich-klar bis orangerötlich und dickflüssig, manchmal wird es tatsächlich mit Honig verglichen, wie die Schweizer Stillberatung Swissmom beschreibt. Die kräftige Farbe kommt von Beta-Carotin, das in der Vormilch in hoher Konzentration enthalten ist. Manche Frauen sammeln bereits vor der Geburt einige Milliliter davon, andere bemerken erst direkt nach der Entbindung, dass die Brust überhaupt schon etwas produziert. Laut dem Portal Familienleben.ch reichen vor der Geburt oft nur wenige Milliliter, während direkt nach der Entbindung bis zu 50 Milliliter zusammenkommen können, was ziemlich genau dem passt, was ein Neugeborenenmagen zu diesem Zeitpunkt überhaupt aufnehmen kann.
Geschmack: salzig statt süß
Der auffälligste Unterschied zur späteren Milch liegt im Geschmack. Kolostrum enthält mehr Mineralsalze wie Natrium und Magnesium, dafür aber deutlich weniger Milchzucker. Genau das macht es salziger und weniger süß als reife Muttermilch, wie unter anderem das Familienmagazin familie.de erklärt. Auch das Portal Tizummo beschreibt Kolostrum als „besonders konzentrierte Form von Muttermilch mit intensiverem, leicht salzigem Geschmack“, während die spätere Milch insgesamt milder und verträglicher wird, sobald mehr Laktose und Fett hinzukommen. Für die Babys selbst scheint das kein Nachteil zu sein: Sie trinken die Vormilch ganz selbstverständlich, schließlich kennen sie zu diesem Zeitpunkt noch keinen Vergleich. Wer sich generell für den Geschmack von Muttermilch interessiert: Wir sind der Frage in einem eigenen Artikel wie schmeckt Muttermilch ausführlich nachgegangen, dort auch mit den Unterschieden zwischen Vormilch, Übergangsmilch und reifer Milch.
Warum ein paar Milliliter schon reichen
Neugeborene trinken in den ersten Tagen erstaunlich wenig, und das ist völlig normal. Der Magen eines Babys ist am ersten Lebenstag etwa so groß wie eine Kirsche und fasst gerade einmal 5 bis 7 Milliliter, wie die Apotheken Umschau schreibt. Am dritten Tag ist er ungefähr walnussgroß, nach einer Woche etwa so groß wie eine Aprikose. Weil Kolostrum so nährstoffreich ist, braucht es auch nicht mehr. Babys werden in dieser Phase entsprechend häufig angelegt, oft acht- bis zwölfmal am Tag, dafür jedes Mal nur in winzigen Portionen.
Was Kolostrum so wertvoll macht
Die geringe Menge täuscht über die Bedeutung dieser ersten Milch hinweg. Kolostrum liefert dem Baby eine Art immunologische Erstausstattung: Es enthält Antikörper und weitere Immunstoffe der Mutter, die das Neugeborene in den ersten Tagen und Wochen vor Infektionen schützen, solange das eigene Immunsystem noch kaum ausgereift ist. Dazu kommt ein hoher Proteinanteil, während Fett und Zucker vergleichsweise gering ausfallen, was die Vormilch leicht verdaulich macht. Sie unterstützt außerdem die Reifung des Darms, hilft dabei, den Blutzucker des Babys zu stabilisieren, und regt den ersten Stuhlgang an, was wiederum das Risiko einer Neugeborenengelbsucht senkt. Für Neugeborene ist der Nutzen also gut belegt und in der Fachwelt unumstritten.
Kolostrum als Kapsel: Vorsicht bei den Werbeversprechen
Kolostrum wird inzwischen auch losgelöst vom Stillen vermarktet, meist als Pulver oder Kapseln aus Rinder-Kolostrum, das nach dem Kalben gewonnen wird. Beworben wird es dann gerne als Mittel, das beim Erwachsenen das Immunsystem stärkt, die Haut verbessert oder sogar die sportliche Leistung steigert. Hier lohnt sich Skepsis: Die Studienlage zu Kolostrum bei Erwachsenen gilt in der Fachwelt selbst als dünn, wie unter anderem eine Analyse von IT Boltwise zusammenfasst. Belastbare klinische Nachweise für die konkreten Marketingversprechen fehlen demnach weitgehend, vorhandene Studien sind oft klein, uneinheitlich oder beschränken sich auf Laborwerte statt auf spürbare gesundheitliche Effekte. Hinzu kommt ein handfestes biologisches Problem: Antikörper und Wachstumsfaktoren sind empfindliche Proteine, die im sauren Milieu des menschlichen Magens und Darms zu einem großen Teil abgebaut werden, bevor sie überhaupt wirken könnten. Der klare Nutzen von Kolostrum für Neugeborene lässt sich also nicht einfach auf Erwachsene und ein Nahrungsergänzungsmittel aus dem Drogeriemarkt übertragen.
Wer sich generell für die eher unüblichen Facetten von Schwangerschaft und Geburt interessiert, findet bei uns auch Artikel darüber, wie Fruchtwasser schmeckt und wie Plazenta schmeckt, zwei weitere Themen rund um die Geburt, über die selten offen gesprochen wird, obwohl sie biologisch hoch spannend sind.



