StartPopkulturVöllerei als Todsünde – Warum maßloses Essen historisch verpönt war

Völlerei als Todsünde – Warum maßloses Essen historisch verpönt war

Völlerei, im Lateinischen „gula“, zählt seit dem frühen Christentum zu den sieben Todsünden und bezeichnet maßloses, übermäßiges Essen und Trinken aus reiner Genusssucht statt aus tatsächlichem Bedürfnis. Anders als es der moderne Sprachgebrauch nahelegt, ging es dabei historisch nicht nur um die reine Menge, sondern auch um übertriebene Genusssucht, etwa das Verlangen nach besonders raffinierten, teuren Speisen.

Die Ursprünge im frühen Christentum

Die Liste der sieben Todsünden, zu denen neben Völlerei auch Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Neid und Trägheit zählen, geht auf den Mönch Evagrius Ponticus im 4. Jahrhundert zurück, der ursprünglich acht schädliche Gedankenmuster für Mönche formulierte. Papst Gregor der Große fasste diese Liste im 6. Jahrhundert zu den bis heute bekannten sieben Todsünden zusammen. Völlerei wurde dabei als eine der Wurzeln zahlreicher weiterer moralischer Verfehlungen betrachtet, da übermäßiger Genuss den Geist angeblich schwäche und den Menschen anfälliger für andere Sünden mache.

Warum ausgerechnet Essen so streng bewertet wurde

Im mittelalterlichen Europa, in dem Hungersnöte real und häufig waren, galt maßloses Essen als besonders unmoralisch, weil es angesichts weit verbreiteter Not als respektlos gegenüber weniger privilegierten Menschen wahrgenommen wurde. Kirchliche Autoren wie Thomas von Aquin unterschieden im 13. Jahrhundert sogar mehrere Unterarten der Völlerei, etwa zu hastiges Essen, zu aufwendig zubereitetes Essen oder übertriebene Vorfreude auf ein Festmahl, was zeigt, wie differenziert das Thema theologisch behandelt wurde.

Wie Völlerei in Kunst und Literatur dargestellt wurde

In der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kunst wurde Völlerei häufig durch übermäßig dicke, gierig verschlingende Figuren symbolisiert, etwa in Hieronymus Boschs berühmtem Gemälde „Der Garten der Lüste“, das Völlerei neben den anderen Todsünden bildlich verarbeitet. Auch Dante Alighieri widmet der Völlerei in seiner „Göttlichen Komödie“ einen eigenen Höllenkreis, in dem die Sünder in ewigem, kaltem Regen und Schlamm liegen müssen, eine bewusste Umkehrung des einstigen Genusses in ewiges Unbehagen.

Wie relevant das Konzept heute noch ist

Auch wenn die religiöse Rahmung heute für die meisten Menschen an Bedeutung verloren hat, wirkt das kulturelle Grundmuster bis in die Gegenwart nach, etwa in gesellschaftlichen Debatten über übermäßigen Konsum, Food Waste oder die moralische Bewertung von Übergewicht, die häufig noch immer stark von jahrhundertealten Vorstellungen von Mäßigung und Selbstbeherrschung geprägt ist. Ernährungswissenschaftler und Mediziner betonen inzwischen allerdings, dass Essverhalten weit komplexer ist als reine Willensfrage oder moralisches Versagen, und plädieren für einen weniger moralisierenden, dafür wissenschaftlich fundierteren Blick auf das Thema als die mittelalterliche Sündenlehre.

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen historischen und kulturellen Information, bewertet Essverhalten nicht moralisch und ersetzt keine professionelle medizinische oder psychologische Beratung. Er richtet sich nicht an Menschen mit einer Essstörung; bei Betroffenheit oder Verdacht auf eine Essstörung wird empfohlen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, etwa über eine Ärztin, einen Arzt oder eine Beratungsstelle.

Raphael
Raphael
Ich bin ein echter Foodlover und immer auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen. Egal ob exotische Zutaten, spannende Kombinationen oder traditionelle Gerichte neu entdeckt – ich probiere gern Neues und teile meine Eindrücke.
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