Es gehört zu den Phänomenen, über die man selten spricht und die trotzdem jeden Mai wieder auftauchen: Nach einer Spargelmahlzeit riecht der Urin auffallend streng, schwefelig und kohlartig. Interessant ist dabei weniger der Geruch selbst als die Tatsache, dass ihn ein Teil der Menschen überhaupt nicht bemerkt.
Woher der Geruch kommt
Verantwortlich ist ein Stoff, der im Spargel selbst vorkommt und den es sonst kaum irgendwo gibt: die Asparagusinsäure. Sie wird häufig mit der Asparaginsäure verwechselt, ist aber eine ganz andere Verbindung. Die Asparagusinsäure enthält Schwefel, und genau der wird im Körper freigesetzt.
Beim Abbau entstehen flüchtige Schwefelverbindungen, vor allem Methanthiol, Dimethylsulfid und Dimethyldisulfid. Sie gehören zu denselben Stoffgruppen, die auch faulende Eier, gekochten Kohl und das Wehrsekret des Stinktiers prägen. Identifiziert wurden sie erst in den 1980er Jahren, wie Spektrum der Wissenschaft nachzeichnet, obwohl sich Forscher schon im 19. Jahrhundert in Selbstversuchen an der Frage abarbeiteten.
Rhabarber, Avocado, Tomate: zwölf Kandidaten, zwei Antwortmöglichkeiten, keine zwei Minuten.
Bemerkenswert ist das Tempo: Der Effekt setzt oft schon 15 bis 30 Minuten nach dem Essen ein. Die Verbindungen sind so flüchtig, dass sie beim Wasserlassen sofort in die Luft übergehen, was den Eindruck zusätzlich verstärkt.
Bei uns am Tisch gab es dazu jahrelang Diskussionen
Für mich war das immer ein Naturgesetz: Spargel essen, und eine halbe Stunde später riecht man es. Dass das keineswegs bei allen so ist, habe ich erst gemerkt, als in einer Runde jemand ernsthaft nachgefragt hat, wovon wir eigentlich reden. Zwei am Tisch kannten den Effekt genau, zwei hatten ihn noch nie bemerkt.
Wir haben das damals für eine Marotte gehalten, es sind aber tatsächlich zwei unterschiedliche Dinge, die auseinanderlaufen können: ob jemand die Abbauprodukte überhaupt in nennenswerter Menge bildet, und ob er sie riechen kann. Beides ist genetisch unterschiedlich verteilt. Wer also behauptet, bei ihm sei das anders, hat wahrscheinlich recht.
Zwei verschiedene Gründe, warum manche nichts merken
Hier wird es interessant, denn es gibt zwei voneinander unabhängige Erklärungen, die oft durcheinandergebracht werden.
Erstens die Produktion. Nicht jeder bildet die Geruchsstoffe in gleichem Maß. Spektrum nennt einen Anteil von rund 43 Prozent der Spargelesser, deren Urin den typischen Geruch aufweist.
Zweitens die Wahrnehmung. Ein erheblicher Teil der Menschen kann diese speziellen Schwefelverbindungen schlicht nicht riechen, obwohl der Geruchssinn ansonsten völlig normal funktioniert. Der Fachbegriff dafür lautet spezifische Anosmie oder selektives Nichtriechen, und die Ursache liegt in einer Variante eines Geruchsrezeptor-Gens.
Beide Merkmale sind erblich und unabhängig voneinander. Daraus ergeben sich vier mögliche Kombinationen, was erklärt, warum am selben Esstisch die einen entsetzt sind und die anderen nicht verstehen, wovon die Rede ist.
Der Geruch ist dabei völlig harmlos und deutet weder auf eine Erkrankung noch auf eine Unverträglichkeit hin. Wer ihn abschwächen will, kann lediglich mehr trinken und den Urin damit verdünnen. Verhindern lässt er sich nicht.
Warum wirkt Spargel harntreibend?
Spargel besteht zu rund 93 Prozent aus Wasser und enthält vergleichsweise viel Kalium. Beides zusammen erklärt den größten Teil des Effekts: Man nimmt schlicht viel Flüssigkeit auf, und Kalium beeinflusst den Wasserhaushalt.
Dass Spargel darüber hinaus eine eigene, pharmakologisch relevante entwässernde Wirkung hätte, ist eine verbreitete Annahme, die sich wissenschaftlich nicht belastbar belegen lässt. Aussagen, Spargel beuge Nierensteinen vor oder helfe bei Herzerkrankungen, gehören ebenfalls in den Bereich der Überlieferung und nicht der Evidenz.
Wer eine eingeschränkte Nierenfunktion hat oder erhöhte Harnsäurewerte, sollte größere Spargelmengen mit der behandelnden Praxis besprechen, weil Spargel purinhaltig ist.
Und der Geschmack?
Von alledem unberührt bleibt, dass Spargel geschmacklich eine Ausnahmestellung hat: leicht bitter, süßlich, mit einer grasigen und einer schwefeligen Komponente, die man in keinem anderen Gemüse so findet.
Ein zweiter Spargeleffekt hat mit dem Geruch nichts zu tun, ärgert aber deutlich mehr Menschen am Esstisch: Wenn Spargel bitter schmeckt, stecken Saponine dahinter, und der Fehler passiert meist schon beim Stechen auf dem Feld.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

