Robbenfleisch gehört zu den Fleischsorten, die in Deutschland kaum jemand kennt, obwohl es in Teilen der Arktis seit Jahrhunderten zu den wichtigsten Nahrungsmitteln zählt. Für Inuit in Grönland und Kanada sowie für Fischer auf den Färöer-Inseln und in Teilen Norwegens ist es traditionell überliefert. Ich habe mir angeschaut, wie das Fleisch schmeckt, wie es zubereitet wird und warum der Handel damit in der EU seit Jahren ein umstrittenes Thema ist.
Wie schmeckt Robbenfleisch genau?
Robbenfleisch ist von dunkler, fast schwarzroter Farbe und deutlich magerer als das Fleisch der meisten Landtiere, weil sich das Fett der Robbe in einer dicken Speckschicht unter der Haut sammelt und kaum im Muskel selbst. Geschmacklich wird es meist als kräftig, sehr eisenhaltig und leicht leberartig beschrieben, mit einer fischig-herben Note, die an den Lebensraum des Tieres erinnert. Wie stark dieser Unterton ausfällt, hängt von Alter, Art und Zubereitung ab. Jüngere Tiere schmecken tendenziell milder, älteres Fleisch intensiver und kompakter. Ähnlich wie bei Bärenfleisch hängt der Geschmack also stark davon ab, wovon sich das Tier ernährt hat und wie alt es war, bevor es auf dem Teller landete.
Suaasat und andere traditionelle Zubereitungen
In Grönland ist Suaasat das bekannteste Gericht: eine deftige Suppe aus Robbenfleisch mit Zwiebeln, oft ergänzt um Kartoffeln oder Reis, nur mit Salz und Pfeffer gewürzt und so lange geschmort, bis das Fleisch weich wird. Neben dem Kochen wird Robbe auch gebraten, getrocknet oder geräuchert. Trocknen und Fermentieren waren vor der Kühlkette die wichtigsten Methoden, um das dichte Fleisch haltbar zu machen, und sorgen bis heute für einen deutlich kräftigeren, würzigeren Geschmack als frisches Fleisch. Traditionell wurde Robbenfleisch häufig auch roh oder blutig gegessen, wodurch hitzeempfindliche Nährstoffe erhalten blieben, ein Prinzip, das sich in der arktischen Küche immer wieder findet.
Warum Robbenfleisch in der Arktis so wichtig war und ist
Für Inuit-Gemeinschaften war Robbe über Jahrhunderte nicht nur ein Nahrungsmittel, sondern eine zentrale Lebensgrundlage. Das Fleisch liefert viel Eisen und hochwertiges Protein, dazu über das Fettgewebe des Tieres auch nennenswerte Mengen Omega-3-Fettsäuren. In einer Umgebung, in der frisches Gemüse oder Obst kaum verfügbar war, machten Robbe, Wal und Fisch einen Großteil der Nährstoffversorgung aus. Dass die Inuit trotz einer sehr fett- und fleischlastigen Ernährung traditionell kaum Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Vitaminmangelerscheinungen wie Skorbut kannten, führen Ernährungswissenschaftler unter anderem darauf zurück, dass Fleisch und Fett roh oder nur kurz gegart gegessen wurden. Auch die fetthaltige Unterhaut mariner Säugetiere spielte dabei eine Rolle, da sie deutlich mehr Vitamin C enthält, als man einem Fettgewebe zutrauen würde.
Das EU-Handelsverbot und die Ausnahme für die Inuit
Seit 2009 regelt die Verordnung (EG) Nr. 1007/2009 den Handel mit Robbenerzeugnissen in der EU. Die Verordnung selbst trat kurz nach ihrer Veröffentlichung in Kraft, das eigentliche Verbot des Inverkehrbringens gilt jedoch erst seit dem 20. August 2010. Hintergrund war die massive öffentliche Kritik an der kommerziellen Robbenjagd, insbesondere an der Tötung von Jungtieren zur Fellgewinnung in Kanada. Seither dürfen Robbenprodukte grundsätzlich nicht mehr auf dem EU-Markt verkauft werden.
Die Verordnung enthält allerdings eine ausdrückliche Ausnahme: Erzeugnisse aus einer Jagd, die von Inuit oder anderen indigenen Gemeinschaften traditionell betrieben wird und zu ihrem Lebensunterhalt beiträgt, dürfen weiterhin in Verkehr gebracht werden. Die Jagd darf dabei nicht in erster Linie kommerziellen Zwecken dienen, und für den Verkauf ist eine offizielle Bescheinigung nötig, die diese Bedingungen bestätigt. Diese Konstruktion hat bis heute Kritiker auf beiden Seiten: Tierschutzorganisationen sehen in der Ausnahme ein Schlupfloch, während Vertreter der Inuit-Gemeinschaften beklagen, dass ihnen das Verbot wichtige Einnahmen gekostet hat, obwohl ihre traditionelle Jagd kaum etwas mit der kommerziellen Fellindustrie zu tun hat, die eigentlich Auslöser der Regelung war.
Wo Robbe heute noch auf dem Teller landet
Außerhalb der EU wird Robbenfleisch weiterhin gegessen, vor allem in Grönland, Teilen Kanadas und auf den Färöer-Inseln, wo die Jagd traditionell reguliert ist. Auch in Norwegen wird noch kommerziell auf Robben gejagt, wenn auch in deutlich geringerem Umfang als noch vor Jahrzehnten. In deutschen Supermärkten oder Restaurants wird man Robbenfleisch wegen des EU-Verbots nicht finden. Wer es probieren möchte, muss dafür in die entsprechenden Regionen reisen. Damit bleibt Robbe, anders als etwa Rentier oder Krokodilfleisch, die inzwischen auch in europäischen Feinkostläden auftauchen, eine regionale Spezialität, die kaum den Sprung in den internationalen Handel geschafft hat. Nicht aus geschmacklichen Gründen, sondern aus rechtlichen.



