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Wie schmecken hundertjährige Eier?

Der Name ist das erste Missverständnis. Hundertjährige Eier sind nicht hundert Jahre alt, nicht einmal annähernd. Sie sind nach wenigen Wochen bis Monaten fertig. Was den Namen erklärt, ist das Aussehen: Ein aufgeschlagenes Ei sieht aus, als hätte es tatsächlich ein Jahrhundert überstanden, und nicht besonders gut.

Wie sie aussehen und wie sie schmecken

Das Eiweiß ist nicht mehr weiß, sondern bernsteinfarben bis fast schwarz und durchscheinend wie Gelee. Der Dotter ist dunkelgrün bis grau, cremig bis fast flüssig in der Mitte. Auf der Oberfläche des Eiweißes zeigen sich oft feine, verzweigte Muster, die an Kiefernnadeln erinnern, weshalb die Eier auf Chinesisch auch Kiefernblüten-Eier heißen.

Geschmacklich sind sie deutlich zugänglicher, als das Aussehen vermuten lässt. Das Eiweiß schmeckt salzig und leicht ammoniakalisch und hat eine feste, glatte Gelee-Textur. Der Dotter ist der eigentliche Höhepunkt: cremig, intensiv herzhaft, mit einer tiefen Umami-Note, die viele an sehr reifen Käse erinnert, dazu ein leichter Schwefelton.

Wer die Intensität einordnen will: Das Ganze liegt etwa zwischen einem gut gereiften Weichkäse und einem sehr kräftigen gekochten Eigelb. Der Ammoniakton ist vorhanden, aber weit entfernt von dem, was etwa beim Hákarl passiert.

Halbierte konservierte Eier mit braun-transparentem Eiweiß und dunkelgrünem Dotter
Bernsteinfarbenes, geleeartiges Eiweiß und ein dunkelgrüner, cremiger Dotter: Das Aussehen erklärt den Namen, nicht das tatsächliche Alter.

Wie sie hergestellt werden

Der Prozess ist kein Verderb, sondern eine alkalische Konservierung. Traditionell werden Enten-, Hühner- oder Wachteleier in eine Paste aus Lehm, Holzasche, Kalk, Salz und Reisspreu eingehüllt und mehrere Wochen bis Monate gelagert.

Entscheidend ist der stark basische pH-Wert. Er dringt langsam durch die Schale und verändert die Eiweiße grundlegend: Sie denaturieren und vernetzen sich zu einem festen Gel, ohne dass Hitze im Spiel wäre. Gleichzeitig laufen Maillard-ähnliche Reaktionen ab, die für die dunkle Farbe und die herzhaften Aromen sorgen. Der Ammoniakton entsteht durch den Abbau von Eiweißbausteinen.

Industriell wird heute meist mit einer Lauge aus Natriumcarbonat, Kalk und Salz gearbeitet, was den Vorgang von Monaten auf wenige Wochen verkürzt und gleichmäßigere Ergebnisse liefert.

Der Punkt, den man beim Kauf kennen sollte

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Historisch wurde der Paste in Teilen Chinas Bleioxid zugesetzt, weil es den Prozess beschleunigt und gleichmäßigere Ergebnisse bringt. Das ist gesundheitlich problematisch, und entsprechende Rückstände wurden in der Vergangenheit in Importware nachgewiesen.

Inzwischen ist das Verfahren in China verboten, und moderne Produkte werden als bleifrei ausgelobt. Für die Praxis heißt das: Ware aus dem regulären Handel in der EU unterliegt den europäischen Höchstgehalten für Schwermetalle und wird entsprechend kontrolliert. Wer im Asia-Laden kauft, sollte auf eine ordentliche Kennzeichnung achten und Produkte ohne jede Herkunftsangabe meiden.

Körbe mit in dunkler Lehmpaste und Reisspreu eingehüllten Eiern auf einem Marktstand
Die traditionelle Methode: Die Eier werden in eine Paste aus Lehm, Asche, Kalk und Salz gehüllt und wochenlang gelagert.

Wie man sie isst

Sie sind fertig und werden nicht gekocht. Üblich sind drei Zubereitungen:

  • Als Vorspeise, in Spalten geschnitten, mit eingelegtem Ingwer, etwas Sojasauce und Sesamöl. Der Ingwer ist funktional, nicht dekorativ: Seine Schärfe puffert den Ammoniakton ab.
  • In Congee, dem chinesischen Reisbrei, oft zusammen mit magerem Schweinefleisch. Die Hitze mildert den Geschmack, der Dotter verläuft cremig im Brei.
  • In Tofu-Gerichten, klassisch als kalte Vorspeise mit Seidentofu.

Für den ersten Versuch ist Congee die freundlichste Variante, weil der Geschmack verdünnt und von Reis und Fleisch getragen wird.

Warum es das überhaupt gibt

Wie bei fast allen Produkten dieser Art steht am Anfang die Haltbarmachung ohne Kühlung. Eier sind saisonal, verderblich und in ländlichen Regionen ohne Kühlkette schwer zu lagern. Die alkalische Behandlung macht sie über Monate haltbar und verändert dabei den Geschmack so stark, dass daraus ein eigenständiges Produkt wurde.

Genau dieses Muster kennt man aus ganz anderen Küchen: Der schwedische Surströmming, der sardische Casu Marzu und die römische Fischsauce Garum sind aus derselben Notwendigkeit entstanden. Aus der Konservierung wurde jeweils eine Delikatesse.

Lohnt sich der Versuch?

Ja, und zwar mit deutlich weniger Überwindung, als das Aussehen nahelegt. Hundertjährige Eier gehören zu den zugänglichsten Vertretern der Kategorie „sieht schlimmer aus, als es schmeckt“. Sie sind in jedem gut sortierten Asia-Markt erhältlich, kosten wenig und erfordern keine Zubereitung.

Wer sich davon leiten lässt, wie ein Lebensmittel aussieht, verpasst hier ziemlich sicher etwas. Ähnlich verhält es sich beim japanischen Natto, bei dem ebenfalls die Optik und nicht der Geschmack die eigentliche Hürde ist.

Susanne
Susanne
Ich schreibe seit 2018 für wie-schmeckt.de und lande dabei fast immer bei den Themen, um die andere einen Bogen machen: Surströmming, Balut, frittierte Skorpione, dazu die ganze Bandbreite an Körpersekreten, über die niemand gern spricht. Zwei eigene Kinder haben mir nebenbei einen sehr direkten Zugang zu Muttermilch, Kolostrum und Plazenta verschafft. Zwischendurch schreibe ich über Kardamom, Kefir oder Burrata, damit der Kopf wieder frei wird.
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