
Ohrenschmalz gehört zu den Körpersekreten, die niemand freiwillig probiert, über die aber trotzdem viel Verwirrung herrscht. Dabei ist die Substanz gut erforscht: Ihre Konsistenz, ihr Geschmack und sogar ihre Herkunft in bestimmten Weltregionen sind genetisch klar erklärbar.
Woraus Ohrenschmalz besteht
Der medizinische Fachbegriff für Ohrenschmalz lautet Cerumen. Es entsteht im äußeren Gehörgang aus dem Sekret der Ohrenschmalzdrüsen, das sind modifizierte Schweißdrüsen, und vermischt sich dort mit Talg aus benachbarten Talgdrüsen. Dazu kommen abgeschilferte Hautzellen aus dem Gehörgang. Chemisch steckt in Cerumen ein ganzes Gemisch aus Fettsäuren, Cholesterin, Squalen und Wachsestern, insgesamt sind laut Wikipedia weit über 1000 einzelne Substanzen daran beteiligt, die meisten davon fettliebend.
Diese Mischung ist auch der Grund, warum Ohrenschmalz nie wirklich trocken wird, sondern klebrig bis wachsartig bleibt und sich langsam von innen nach außen im Gehörgang bewegt.
Wie schmeckt Ohrenschmalz?
Wer sich (aus Versehen, etwa beim Ohrenreinigen) einen Rest davon auf die Zunge holt, schmeckt vor allem eines: bitter. Ohrenschmalz zählt damit laut Wikipedia zu den ganz wenigen menschlichen Sekreten, die ausgesprochen bitter schmecken, neben Gallenflüssigkeit gilt es als eines der beiden bittersten Sekrete des Körpers überhaupt. Wer wissen möchte, wie sich dieser andere körpereigene Bitterstoff anfühlt, findet dazu mehr im Artikel Wie schmeckt Galle?.
Neben der Bitterkeit ist der Geschmack wachsig und leicht fettig, was angesichts der Fettsäuren und Wachsester in der Zusammensetzung wenig überraschend ist. Manche beschreiben zusätzlich eine schwach salzige Note, die vom Schweißdrüsenanteil herrührt.
Warum schmeckt es ausgerechnet bitter?
Der bittere Geschmack ist kein Zufall, sondern vermutlich ein evolutionärer Schutzmechanismus. Bitterstoffe im Cerumen sollen kleine Insekten davon abhalten, in den Gehörgang zu krabbeln, wie web.de unter Berufung auf HNO-Fachleute berichtet. Der Geschmackssinn schützt hier also nicht den Menschen selbst vor dem Verzehr, sondern das empfindliche Innenohr vor ungebetenen Krabbeltieren.
Dazu kommt eine zweite Schutzfunktion: Ohrenschmalz enthält keimtötende Substanzen, unter anderem das Enzym Lysozym, und wirkt durch seinen niedrigen pH-Wert leicht antibakteriell und antimykotisch. Zusammen mit den klebrigen Fettsäuren fängt es Staub, abgestorbene Hautzellen und kleine Fremdkörper ab, bevor sie tiefer in den Gehörgang gelangen, und hält gleichzeitig die empfindliche Haut dort feucht. Wie eng Geschmack und Schutzfunktion im menschlichen Körper sonst noch zusammenhängen, beschreibt der Artikel Der Geschmackssinn ausführlicher.
Nass oder trocken: zwei Typen, ein Gen
Nicht jeder Mensch hat die gleiche Sorte Ohrenschmalz. Es gibt zwei genetisch festgelegte Varianten: eine feuchte, gelblich-braune und ölige Form sowie eine trockene, graue und krümelige Form. Verantwortlich dafür ist eine einzelne Veränderung im Gen ABCC11, wie eine japanische Forschungsgruppe zeigen konnte, über die Spektrum der Wissenschaft berichtete. Das Gen kodiert für ein Transportprotein in Zellmembranen und bestimmt, ob die Ceruminaldrüsen eher fettreiches, feuchtes Sekret oder trockeneres Material produzieren. Der feuchte Typ ist genetisch dominant.
Die Verteilung dieser beiden Typen unterscheidet sich stark zwischen Weltregionen. In Europa und Afrika hat unter drei Prozent der Bevölkerung den trockenen Typ, feuchtes Ohrenschmalz ist hier die Regel. In Ostasien dagegen dominiert die trockene Variante: Bei Han-Chinesen und Koreanern liegt der Anteil laut der zitierten Studie bei nahezu 100 Prozent. Dazwischen liegen mittlere Häufigkeiten in Süd-, Zentral- und Kleinasien, auf pazifischen Inseln sowie bei indigenen Gruppen Nordamerikas.
Die Mutation, die zum trockenen Typ führt, ist vermutlich im nordöstlichen Asien entstanden und hat sich von dort verbreitet. Ein möglicher Vorteil: In den kalten Wintern Sibiriens könnte trockeneres Sekret in Schweiß- und Talgdrüsen geholfen haben, Flüssigkeitsverluste zu reduzieren, eine Hypothese, die Genetiker im Zusammenhang mit der Ausbreitung des ABCC11-Gens diskutieren.
Das Gen ABCC11 steuert dabei nicht nur die Konsistenz von Cerumen, sondern auch die Aktivität der Schweißdrüsen in den Achseln. Wer die seltene Genvariante trägt, die zu trockenem Ohrenschmalz führt, produziert meist auch Schweiß, aus dem beim bakteriellen Abbau kaum Geruchsstoffe entstehen, wie ein Telepolis-Archivbeitrag zu einer entsprechenden Studie festhält. Der Ohrenschmalz-Typ lässt sich damit als äußerlich sichtbarer Hinweis auf die genetische Veranlagung zu Achselgeruch lesen, ganz ohne Gentest.
Kein Grund für Ekel-Challenges
Auf Video-Plattformen tauchen immer wieder Mutproben auf, bei denen Menschen mit Ohrenschmalz oder anderen Körpersekreten experimentieren. Wissenschaftlich betrachtet ist daran wenig Aufregendes: Die Substanz ist gut erforscht, ihre Zusammensetzung bekannt, und ihr bitterer Geschmack lässt sich wie beschrieben biologisch erklären. Spannender als der Ekelfaktor ist eigentlich die Frage, warum der Körper überhaupt so unterschiedliche Varianten desselben Sekrets produziert, je nachdem, wo auf der Welt die eigenen Vorfahren gelebt haben.
Wer öfter mit Wattestäbchen im Ohr herumstochert, sollte übrigens wissen, dass Ohrenschmalz eine Schutzfunktion hat und der Gehörgang sich normalerweise selbst reinigt. Ärztliche Quellen wie web.de raten stattdessen dazu, überschüssiges Sekret allenfalls vorsichtig am äußeren Ohr mit einem feuchten Tuch zu entfernen, statt es mit Wattestäbchen tiefer in den Gehörgang zu schieben.



