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Wie schmeckt Urin?

Laborprobe mit hellgelber Flüssigkeit in einem Becher auf einer Laborbank

Die Frage klingt nach Kneipenwette, hat aber eine ziemlich nüchterne Antwort: Urin schmeckt salzig bis leicht bitter, mit einer schwachen, oft als seifig oder nach Ammoniak beschriebenen Note. Wie intensiv das ausfällt, hängt stark davon ab, wie viel jemand getrunken hat und was zuletzt auf dem Teller lag. Ein paar Fakten zur Einordnung, plus ein Blick auf eine kuriose Nebenerkenntnis der Forschung: Die Harnröhre kann offenbar selbst „schmecken“, ganz ohne Zunge.

Woraus Urin eigentlich besteht

Gesunder Urin besteht zu rund 95 Prozent aus Wasser. Der Rest ist im Wesentlichen das, was die Nieren aus dem Blut filtern: Harnstoff, Kreatinin, Harnsäure, verschiedene Salze wie Natrium-, Kalium- und Chloridionen sowie kleine Mengen Hormone und wasserlösliche Vitamine. Harnstoff, ein Abbauprodukt des Eiweißstoffwechsels, ist der Hauptgrund für den salzig-bitteren Grundgeschmack. Je konzentrierter der Urin ist, etwa nach wenig Trinken oder intensivem Sport, desto intensiver fallen Geruch und Geschmack aus, weil dieselbe Menge Harnstoff und Salz auf weniger Wasser verteilt ist. Bei guter Flüssigkeitszufuhr ist der Geschmack entsprechend milder und wässriger.

Was Zunge und Geschmackssinn damit zu tun haben

Dass wir überhaupt „salzig“ oder „bitter“ unterscheiden können, liegt an den Rezeptoren, die den menschlichen Geschmackssinn ausmachen: grob fünf Grundrichtungen, nämlich süß, sauer, salzig, bitter und umami. Urin bedient vor allem die beiden letzteren. Bitterstoffe wie Harnsäure und Ammoniakverbindungen sorgen für die schärfere Note, während gelöste Proteine und stickstoffhaltige Verbindungen leicht in Richtung umami, also herzhaft, gehen. Deshalb wird der Geschmack häufig eher als unangenehm scharf denn als klassisch salzig beschrieben, wie man es etwa von Meerwasser kennt.

Wächterzellen: Wie die Harnröhre selbst schmeckt

Eine der überraschendsten Entdeckungen zum Thema stammt aus Gießen. Ein Team um Prof. Wolfgang Kummer vom Institut für Anatomie und Zellbiologie der Justus-Liebig-Universität Gießen fand 2014 gemeinsam mit Kolleg:innen der Goethe-Universität Frankfurt und der Urologischen Klinik Gießen einen bis dahin unbekannten Zelltyp in der Schleimhaut der Harnröhre. Diese „Wächterzellen“ reagieren auf Bitter- und Umami-Reize und funktionieren dabei ähnlich wie die Geschmackszellen der Zunge. Registrieren sie eindringende Bakterien, lösen sie über den Botenstoff Azetylcholin einen Reflex aus, der die Blasenmuskulatur zur Kontraktion bringt und so den schädlichen Inhalt aus der Harnröhre spült. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift PNAS. Es geht hier also nicht um bewusstes Schmecken, sondern um eine biochemische Frühwarnfunktion gegen Harnwegsinfekte. Ganz allein steht die Harnröhre mit dieser Eigenschaft nicht da: Auch in Spermien von Mäusen und Menschen wurden Umami-Rezeptoren nachgewiesen, die offenbar helfen, beim Kontakt mit einer Eizelle anzudocken.

Der Spargel-Effekt: Ernährung verändert den Geschmack

Wie stark Ernährung den Urin beeinflusst, zeigt der bekannteste Fall: Spargel. Die enthaltene Asparagusinsäure wird vom Körper in flüchtige Schwefelverbindungen umgewandelt, oft schon 15 bis 30 Minuten nach dem Essen nachweisbar. Interessant ist, dass nicht jeder den charakteristischen Geruch überhaupt wahrnimmt: Laut einer Studie mit rund 7.000 Teilnehmenden können 40 bis 50 Prozent der Menschen ihn wegen einer Genvariante ihres Geruchsrezeptors kaum oder gar nicht riechen. Ähnliche, wenn auch weniger auffällige Effekte gibt es bei rotem Fleisch, Kaffee oder stark gewürzten Speisen, die den Urin salziger, bitterer oder schärfer schmecken lassen können.

Urintherapie: ein Heilversprechen ohne Beleg

Immer wieder taucht die Idee auf, Urin bewusst zu trinken, um Krankheiten zu behandeln, bekannt als Urin- oder Eigenharntherapie. Hier gilt: Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich nicht belegt. Es gibt keine seriöse Studie, die einen therapeutischen Nutzen nachweist, auch ältere Berichte etwa zu angeblichen Erfolgen bei Lebermetastasen aus den 1970er- und 1980er-Jahren konnten in Folgeuntersuchungen nicht bestätigt werden. Hinzu kommt, dass Urin, sobald er die Harnröhre passiert hat, keineswegs steril ist, sondern Bakterien enthält. Wer aus gesundheitlichen Gründen zu Urintherapie statt zu einer wirksamen ärztlichen Behandlung greift, geht damit ein unnötiges Risiko ein. Als reines Getränk in kleinen Mengen gilt Urin bei gesunden Menschen zwar meist als unbedenklich, einen gesundheitlichen Vorteil bringt er aber nicht.

Kinderurin-Eier: eine chinesische Frühlingstradition

Kulturell hat Urin an einem Ort einen festen kulinarischen Platz: In Dongyang, einer Stadt in der chinesischen Provinz Zhejiang, werden traditionell „Tong zi dan“ zubereitet, wörtlich Kindereier. Dabei werden Eier in Urin von Jungen unter zehn Jahren eingelegt und über mehrere Stunden gekocht, wobei die Schale zwischenzeitlich aufgebrochen wird, damit der Urin ins Ei eindringen kann. Die Tradition ist seit Ende des 19. Jahrhunderts dokumentiert, Dongyang erklärte sie 2008 offiziell zum nationalen immateriellen Kulturerbe. Verbunden wird sie mit dem Frühlingsanfang und dem Gedanken an Erneuerung. Mediziner:innen raten trotzdem von einem Nachahmen ab, da unklare Hygiene und mögliche Keimbelastung Gesundheitsrisiken bergen. Historisch war Urin ohnehin ein praktischer Rohstoff, weil er als natürliche Ammoniakquelle jahrhundertelang zum Gerben von Leder und zum Waschen von Wolle genutzt wurde, lange bevor es dafür chemische Alternativen gab.

Unterm Strich bleibt Urin ein Stoffwechsel-Abfallprodukt mit einer erstaunlich aktiven Nebengeschichte in der Forschung: kein Trend-Getränk, aber auch kein reines Ekelthema, sondern ein weiteres Beispiel dafür, wie viel Chemie und Biologie in dem steckt, was der Körper täglich unbemerkt produziert.