
Feigen gehören zu den Früchten, bei denen der Kauf zur Lotterie wird. Eine perfekt gereifte Feige ist eines der süßesten, aromatischsten Dinge, die der Obststand zu bieten hat, honigartig und fast schon marmeladig im Geschmack. Eine unreife Feige dagegen kann fad, leicht bitter und papierig schmecken. Ich habe mir angeschaut, woran das liegt, wie sich frische und getrocknete Feigen geschmacklich unterscheiden und was es mit der kuriosen Botanik dieser Frucht auf sich hat.
Wie schmeckt eine reife Feige?
Der Geschmack einer reifen Feige ist intensiv süß, honigartig und leicht blumig, mit einem erdigen, fast nussigen Unterton, der sie von anderen süßen Früchten unterscheidet. Manche schmecken dabei eine feine Beerennote heraus, ähnlich wie bei Trockenobst. Entscheidend ist, wie bei kaum einer anderen Frucht, der Reifegrad. Eine Feige reift nach der Ernte praktisch nicht mehr nach, anders als etwa eine Kiwi oder Banane. Was beim Pflücken nicht reif ist, bleibt es auch auf dem Küchentisch. Unreife Exemplare schmecken blass, leicht adstringierend und manchmal sogar bitter, weil noch kaum Fruchtzucker eingelagert ist.
Ähnlich wie bei der Kaki entscheidet also fast ausschließlich die Reife darüber, ob man eine enttäuschende oder eine geschmacklich überwältigende Frucht in der Hand hält. Ein gutes Zeichen für Reife: Die Schale gibt bei leichtem Fingerdruck nach, und am Stielansatz zeigt sich oft ein winziger Tropfen austretenden Zuckersafts.
Konsistenz: weiche Schale, cremiges Inneres, feines Knirschen
Die dünne Schale einer reifen Feige ist weich und leicht zäh, essbar und geschmacklich mild, sie wird meist einfach mitgegessen. Im Inneren zeigt sich ein völlig anderes Bild: Das Fruchtfleisch ist weich, fast schon cremig und marmeladig, durchzogen von unzähligen winzigen Kernen, die beim Kauen ein feines, angenehmes Knirschen erzeugen. Diese Kombination aus samtigem Fruchtfleisch und knackigen Kernen erinnert entfernt an die Cherimoya, auch wenn die Feige insgesamt deutlich weniger wässrig und dafür konzentrierter süß ausfällt.

Botanische Kuriosität: Die Feige ist gar keine echte Frucht
Was wir essen, ist streng genommen keine Frucht im klassischen Sinn, sondern ein sogenanntes Syconium, ein nach innen gestülpter Blütenstand. Hunderte winzige Blüten sitzen an der Innenwand der fleischigen Hülle, unsichtbar von außen. Erst diese Blüten entwickeln sich zu den kleinen, knackigen Kernen im Fruchtfleisch. Viele Feigenarten sind zudem auf eine ganz bestimmte Wespenart angewiesen, die durch eine winzige Öffnung ins Innere krabbelt und dabei die Bestäubung übernimmt, wie unter anderem im Artikel zu Feigenwespen auf Wikipedia beschrieben wird. Die meisten heute im Handel erhältlichen Feigensorten sind allerdings selbstbestäubend und kommen ganz ohne Wespen aus.
Frisch oder getrocknet: zwei völlig unterschiedliche Aromen
Frische und getrocknete Feigen schmecken sich zwar ähnlich, sind geschmacklich aber fast wie zwei verschiedene Lebensmittel. Beim Trocknen verdunstet ein Großteil des Wassers, und der Zuckergehalt konzentriert sich massiv: Getrocknete Feigen bringen es auf über 55 Gramm Zucker pro 100 Gramm, gegenüber rund 8 Gramm bei der frischen Frucht. Das Ergebnis ist ein deutlich intensiveres, fast karamellartiges Aroma und eine zähe, dichte Konsistenz, die kaum noch an die saftige Frische der ursprünglichen Feige erinnert. Dörrfeigen eignen sich deshalb gut zum Snacken oder für Müsli, während frische Feigen ihre Qualitäten eher pur oder in leichten Gerichten ausspielen.
Nährwerte: viele Ballaststoffe, viel Kalium, aber auch viel Zucker
Frische Feigen liefern mit rund 60 Kalorien pro 100 Gramm vergleichsweise wenig Energie, dafür aber ordentlich Ballaststoffe, Kalium und etwas Kalzium. Laut dem Schweizer Ernährungsportal A.Vogel tragen die enthaltenen Ballaststoffe zu einer gesunden Verdauung bei. Bei getrockneten Feigen sieht die Rechnung anders aus: Durch die Konzentration beim Trocknen steigen sowohl Ballaststoff- als auch Zuckergehalt deutlich, weshalb sie in größeren Mengen eher als süße Nascherei denn als leichter Snack gelten sollten.
Feigen in der Küche
Am besten kommt eine reife Feige pur zur Geltung, einfach halbiert oder geviertelt gegessen. Klassisch ist die Kombination aus Feige, Prosciutto und würzigem Käse wie Gorgonzola oder Ziegenkäse, bei der die Süße der Frucht gegen Salz und Schärfe antritt. Auch in Salaten, gebacken in einer Tarte oder eingekocht zu Feigenmarmelade entfaltet die Frucht ihr volles Aroma. Wer Feigen roh isst, sollte sie kurz vor dem Servieren schneiden, da das offene Fruchtfleisch schnell an der Luft oxidiert und dunkel wird.
Ich greife im Spätsommer, wenn die Saison bei uns beginnt, am liebsten zu kleinen, prall gefüllten Exemplaren, die schon fast zu weich zum Transportieren wirken. Genau dann schmecken sie am besten.



