Streng biologisch betrachtet ist Sperma kein veganes Produkt, denn der Mensch ist ein Tier. Praktisch spielt die Frage in der veganen Bewegung aber kaum eine Rolle, weil Veganismus nicht auf Biologie zielt, sondern auf die Vermeidung von Ausbeutung.
Die Frage taucht regelmäßig auf, meist halb im Scherz, hat aber einen ernsten Kern: Sie zwingt dazu, genau zu formulieren, worum es beim Veganismus eigentlich geht.
Was Veganismus definiert
Die gängige Definition, wie sie unter anderem von der Vegan Society formuliert wurde, beschreibt Veganismus als Lebensweise, die Ausbeutung von und Grausamkeit gegenüber Tieren so weit wie praktisch möglich vermeidet, sei es für Ernährung, Kleidung oder andere Zwecke.
Entscheidend ist dabei das Wort Ausbeutung. Es geht nicht darum, ob ein Stoff biologisch von einem Tier stammt, sondern darum, ob ein Tier dafür benutzt, gehalten oder getötet wurde.
Warum die biologische Antwort in die Irre führt
Der Mensch ist zoologisch ein Tier, genauer ein Säugetier. Wer die Definition rein biologisch anlegt, müsste konsequenterweise auch Muttermilch als nicht vegan einstufen, ebenso jede Form menschlicher Körperflüssigkeit.
Genau das tut aber niemand. Kein veganer Verband stellt infrage, dass ein gestilltes Kind vegan ernährt werden kann. Daran zeigt sich, dass die biologische Lesart am eigentlichen Anliegen vorbeigeht.
Der Grund ist einfach: Menschen können einwilligen. Eine Kuh kann nicht zustimmen, gemolken zu werden, ein Huhn nicht, Eier abzugeben. Ein erwachsener Mensch dagegen kann sich frei entscheiden. Damit entfällt genau der Punkt, um den es beim Veganismus geht.
Wie die Frage üblicherweise beantwortet wird
In der veganen Bewegung besteht weitgehend Einigkeit: Einvernehmlich abgegebene menschliche Körperflüssigkeiten gelten nicht als Verletzung veganer Prinzipien. Das gilt für Sperma ebenso wie für Muttermilch oder Blutspenden.
Gegenpositionen gibt es, sie bleiben aber eine Minderheitsmeinung und stützen sich fast immer auf die rein biologische Definition, die, wie oben gezeigt, zu Ergebnissen führt, die niemand vertreten will.
Die eigentlich relevante Kategorie
Bemerkenswert an dieser Debatte ist, dass sie eine ethische Frage in die falsche Schublade sortiert. Ob jemand Sperma schmecken möchte, ist keine Frage der Ernährungsweise, sondern eine Frage von Einverständnis und persönlicher Vorliebe. Wer es nicht will, braucht dafür kein weltanschauliches Argument.
Praktisch relevanter als die Veganismusfrage sind ohnehin die gesundheitlichen Aspekte, etwa das Risiko sexuell übertragbarer Infektionen. Mehr dazu und zur Zusammensetzung steht im Beitrag Wie schmeckt Sperma?
Und Muttermilch?
Dieselbe Logik gilt dort. Muttermilch für den eigenen Säugling ist unstrittig. Diskutiert wird gelegentlich der kommerzielle Handel mit gespendeter Muttermilch für Erwachsene, etwa im Sportbereich, und dort setzt die Kritik dann auch an: nicht am tierischen Ursprung, sondern an möglicher Ausnutzung der Spenderinnen. Wie sie überhaupt schmeckt, steht im Beitrag Wie schmeckt Muttermilch?
